Hello, my name is: IG Farben

Dass, was man beschönigt »Campus Westend« nennt, davor versucht hat als das »Poelzig-Ensemble« zu etablieren und was im Vorlesungsverzeichnis des öfteren den völlig sinnfreien Namen IG-Hochhaus trägt und mittlerweile auch in öffentlichen Uni-Dokumenten und Veranstaltungsankündigungen konsequent so sinnfrei verwendet wird – also der Campus auf dem du dich gerade bewegst – dass war einmal das Hauptverwaltungsgebäude der Interessengemeinschaft Farben AG, kurz: IG Farben

Diese waren ein Zusammenschluss der größten deutschen Chemiekonzerne, darunter BASF, Bayer, Hoechst, AGFA und Castella. In den 1930er Jahren biederte sich die Konzernleitung schnell an die Nationalsozialistische Regierung an, um ihre Interessen zu wahren. Bei der Ariesierung ihres Betriebes gingen die IG Farben sehr schnell und gründlich vor, schon 1936 war fast der komplette Vorstand Mitglied der NSDAP und zum Großteil klar bekennende Nationalsozialisten, ab 1938 gab es keine jüdischen Arbeiterinnen und Arbeiter mehr. Mittlerweile unterhielt der Konzern sehr gute Verbindungen zu den Führenden des Nationalsozialismus und wurde in die Kriegsplanung und –führung mit einbezogen. Zum Einen sicherte die IG Farben der deutschen Regierung Unterstützung zu bei ihren Bestrebungen Autarkie zu erreichen, im Gegenzug erhielten sie in den eroberten Ländern Zugriff auf Rohstoffe und übernahmen die jeweilige chemische Industrie.

Deutschland war für seine Kriege auf künstlichen Kautschuk (Buna) und künstlichen Treibstoff angewiesen – die IG Farben waren Hersteller und Lieferant. Für die steigende Nachfrage nach Buna sollte 1941 ein neues Werk gebaut werden. Die Entscheidung fiel auf Monowitz, nahe des KZ Auschwitz. Ein Grund waren die billigen Arbeitskräfte, die von der SS gestellt wurden – jüdische Zwangsarbeiter. Anfangs mussten diese noch einen täglichen 7 km Hin – und Rückweg von Auschwitz zu ihrem Einsatzort zurück legen, welcher den unterernährten und gesundheitlich angeschlagenen Häftlingen die letzten Kraftreserven raubten und viele während des Fußmarsch starben. Daher entschied sich die Leitung IG Auschwitz 1942 dazu neben ihre Fabrik das firmeneigene KZ Buna/Monowitz zu bauen. Dort wurde die Vernichtung durch Arbeit mit solcher Härte betrieben, dass die durchschnittliche Lebenserwartung 3 Monate betrug.

Die meisten Häftlinge des KZ Buna/Monowitz, etwa 25 – 30.000, gingen an der miserablen Ernährung und Kleidung und durch die harten Arbeitsbedingungen zugrunde, wurden auf der Baustelle ermordet oder bei einer der Selektionen in die Gaskammern nach Birkenau geschickt. Ende 1944 waren über 10.000 Männer im KZ Buna/Monowitz inhaftiert.

Neben der Zwangsarbeit verdienten die IG Farben auch an der deutschen Massenvernichtung von Menschen, vornehmlich Jüdinnen und Juden: die Tochterfirma DeGeSch verkaufte der SS das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B, dass in den Gaskammern eingesetzt wurde.

Nach der deutschen Niederlage wurde die IG Farben entflochten – in die großen drei Firmen, welche die IG Farben einst maßgeblich mit begründeten: BASF, Bayer und Hoechst. Von den 23 angeklagten Vorstandsmitgliedern der IG Farben, wurden nur 13 verurteilt, von ihren Haftstrafen wurden sie allerdings schon 1951 wieder entlassen, um kurz darauf in den neuen alten Firmen wieder im Vorstand zu sitzen. Bis heute leugnen die Firmen jegliche personelle und strukturelle Kontinuität zur IG Farben, haben sich nach langem Kampf zwar 2003 (!) zu Entschädigungszahlungen bereit erklärt – allerdings aus angeblich moralischem guten Willen, nicht etwa als Schuldeingeständnis.

Nachdem die Universität 2001 nun das ehemalige Verwaltungsgebäude der IG Farben bezogen hat, wusste sie zwar, dass es „in gewisser Weise durchaus eine historische Last“ (damaliger Uni-Präsident Steinberg) darstellt. Dieser wurde jedoch mit der euphemistischen und geschichtsvergessenen Bezeichnung des »Campus Westend« entgegen gewirkt. Und das auch nachdem der Senat der Universität sich eindeutig auf die offizielle Bezeichnung „IG Farben-Haus“ festgelegt hatte. Mittlerweile hat sich unter Studierenden und Lehrenden der Name »Campus Westend« fast vollständig durchgesetzt, die Kämpfe um die Namensgebung sind den meisten unbekannt.

Der Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden, der untrennbar mit diesem Gebäude verknüpft ist, darf nicht vergessen und beiseite geschoben werden. Das hier ist der IG Farben Campus.

Initiative Studierender am IG Farben Campus

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Texte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s