27.01.2010 65. Jahrestag der Befreiung der Vernichtungslager Auschwitz // Flyer // Programm

NAMENSLESUNG IN GEDENKEN DER OPFER DER IG FARBEN

65. JAHRESTAG DER BEFREIUNG VON AUSCHWITZ

Der 27. Januar ist der Jahrestag der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz durch die Rote Armee und internationaler Holocaust-Gedenktag. An diesem Tag soll hier, dem ehemaligen Hauptsitz der IG Farben, an die Ermordeten und wenigen Überlebenden von Buna/Monowitz, dem Konzentrationslager, das die IG Farben direkt neben Auschwitz betrieben haben, erinnert werden.

Buna/Monowitz

Im Sommer 1941 begannen die IG Farben in enger Zusammenarbeit mit der SS in der Nähe des Konzentrationslagers Auschwitz eine Fabrik zur Herstellung synthetischen Kautschuks (Buna) zu errichten – die IG Auschwitz. Bauen mussten diese Fabrik die Häftlinge des KZ Auschwitz, die von dort jeden Tag 7 km zur Baustelle und zurück marschieren mussten. Auf diesen Märschen und bei der Arbeit starben Unzählige. Im Juli 1942 ließen die IG Farben schließlich ein eigenes Konzentrationslager in der Nähe der Baustelle errichten, um die Bewachung zu vereinfachen. Dorthin, nach Buna/Monowitz, wurden die zur Zwangsarbeit Selektierten, vor allem jüdische Häftlinge aus Auschwitz, gebracht. Die Häftlinge überlebten in den dortigen Zuständen durchschnittlich nur drei bis vier Monate – wer nicht erschlagen oder tödlich verunglückt war, wurde, wenn er der SS und den IG Farben-Angestellten als zu entkräftet zur weiteren Zwangsarbeit auf der Buna-Baustelle erschien, im Krankenbau oder bei den täglichen Appellen selektiert und in das Stammlager Auschwitz zurücküberstellt. »Überstellung« nach Birkenau, angeblich in das sogenannte Krankenbaulager BIIf, bedeutete für die selektierten Häftlinge den Tod in den Gaskammern .

So durfte niemand länger als 14 Tage im Krankenbau von Buna/Monowitz sein und die IG Farben verfügten, dass niemals mehr als 5 Prozent der Insassen ihres Lagers krank sein durften. Etwa 8.000 Zwangsarbeiter wurden zwischen Januar 1943 und Dezember 1944 aus dem Häftlingskrankenbau von Buna/Monowitz selektiert und nach Auschwitz überstellt.

Bis zur Evakuierung der Lager Auschwitz, Birkenau und Buna/Monowitz zwischen dem 17. und 23. Januar 1945, als die meisten der letzten Häftlinge auf den Todesmärschen nach Westen getrieben wurden, hatten etwa 300.000 Häftlinge die IG Auschwitz durchlaufen müssen, von denen mindestens 25.000 durch die Arbeit umgebracht wurden.

Zum Zeitpunkt der Ankunft der Roten Armee in den Lagern waren dort nur noch sehr wenige Menschen zurückgeblieben, im Krankenbau von Buna/Monowitz etwa 800 größtenteils Kranke. Einigen wenigen gelang es sich in Hoffnung auf baldige Rettung im Krankenbau zu verstecken.

Die Namen aller Menschen, die sich in Buna/Monowitz zu Tode arbeiten mussten und ermordet wurden lassen sich heute nicht mehr zusammentragen. Wir lesen daher aus den verbliebenen Überstellungslisten, den sogenannten Verlegungsmeldungen des Häftlingskrankenbaus von Buna/Monowitz, die vermutlich von Häftlingen versteckt und damit vor dem Versuch der SS, in den letzten Stunden des Lagers soviel Beweismaterial wie möglich zu vernichten, bewahrt wurden. Kopien dieser Verlegungsmeldungen von Januar 1943 und Dezember 1944 lassen sich den Materialien zum Frankfurter Auschwitzprozess von 1963 entnehmen.

Kontinuität und Abwehr

Nach dem Krieg wurde die IG Farben von den Alliierten zerschlagen und entflochten: Es entstanden die Firmen BASF, Bayer und Hoechst (heute: Sanofi-Aventis). Zur Regelung von »offenen Vermögensfragen« wurde die IG Farbenindustrie AG in Abwicklung gegründet, die sich nach dieser Regelung auflösen sollte. Ihrer Verantwortung für ihre ehemaligen Sklavenarbeiter haben sich jedoch weder die Nachfolgeunternehmen noch die Rechtsnachfolge jemals wirklich gestellt. Die so genannte Abwicklung zog sich mit dem Hinweis auf noch ungeklärte Ansprüche beinahe 60 Jahre hin. Nach 58 Jahren ›in Auflösung‹ meldeten die IG Farben am 10. November 2003 Insolvenz an. Von ehemaligen Zwangsarbeitern eingeforderte Entschädigungszahlungen fanden nur auf öffentlichen Druck hin, eingeschränkt und in niedriger Höhe statt – ein Schuldeingeständnis war damit ausdrücklich nicht verbunden.

Der IG Farben Campus

Heute erinnert das Norbert-Wollheim Memorial auf dem Gelände der Goethe-Universität am IG Farben Campus an die vielen Ermordeten und wenigen Überlebenden von Buna/Monowitz und an den Kampf um Entschädigung. Benannt ist das Memorial nach Norbert Wollheim, der 1943 zusammen mit seiner Familie verhaftet und nach Auschwitz deportiert wurde, dort im KZ Buna/Monowitz als Zwangsarbeiter war und nach 1945 an mehreren Prozessen gegen NS-Verbrecher teilnahm. 1951 begann Norbert Wollheim seinen eigenen Kampf um Entschädigung und erreichte letztlich eine einmalige Zahlung von 30 Millionen DM an ehemalige Zwangsarbeiter der IG Farben, wiederum ohne Schuldeingeständnis der Täter, geschweige denn einer Entschuldigung..

Eine leider kaum sichtbare Plakette am Eingang des IG Farben Gebäudes verweist auf die Geschichte des Hauses als Schaltzentrale des größten Konzerns während des Nationalsozialismus und auf die Verbrechen der IG Farben. Diese Erfolge im Umgang mit dem Gebäude gehen auf das hartnäckige Engagement einiger Weniger und vor allem das der ehemaligen Zwangsarbeiter zurück.

Auf dem neuen Gelände oberhalb des alten IG-Farben Hauses ist kaum etwas von der Geschichte des Geländes zu bemerken, der offizielle Name des Unigeländes ist dem Wunsch nach »Normalität« entsprechend nach wie vor ›Campus Westend‹ statt IG Farben Campus und trotz einer erfolgreichen Unterschriftenkampagne und der Forderung der Überlebenden und des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Frankfurts zur Eröffnung des Norbert-Wollheim Memorials 2008 lautet die Adresse der Universität immer noch Grüneburgplatz und nicht Norbert-Wollheim-Platz. Es bedarf also immer noch und gerade jetzt kontinuierlichen Engagements, um die Erinnerung wach zu halten und die Täterinnen und Täter anzuklagen.

Heute erinnert in Monowitz nichts mehr an die Buna-Werke der IG Farben. Es steht dort, so wie auch vor 1941, ein polnisches Dorf. Es ist das IG Farben Gebäude in Frankfurt, welches an die Opfer von Buna/Monowitz erinnert. Mit der heutigen Namenslesung wollen wir Ihrer und den Qualen die sie erlitten haben gedenken und uns gegen das Verdrängen und Vergessen und den neuen wie alten Antisemitismus in Deutschland stellen, so dass Auschwitz sich nicht wiederhole – nichts Ähnliches geschehe.

Initiative Studierender am IG Farben Campus

https://initiativestudierenderamigfarbencampus.wordpress.com/

Veranstaltungshinweis zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz:

16:00 bis 18:00 Uhr

Zeitzeug/innengespräch: Todesmarsch und Befreiung

Raum 251, Erdgeschoss, I.G. Farben-Haus

Gespräch mit den Überlebenden Trude Simonsohn, Sigmund Freund und Dr. Siegmund Kalinski

19:30 Uhr

Film: DIE BEFREIUNG VON AUSCHWITZ (BRD 1986)

Hörsaalzentrum, Raum HZ 11, I.G. Farben-Campus

Mit anschließender Diskussion mit Mitgliedern der Initiative und des Fritz Bauer Instituts

Veranstaltet von der Initiative Studierender am IG Farben Campus in Kooperation mit dem Fritz Bauer Institut

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