Immer wieder das Gleiche. Zur Geschichte des schönsten Campus Deutschlands.

Am heutigen Tag ist die aktuelle Ausgabe der Frankfurter Asta-Zeitung der Goethe-Universität erschienen. Darin befindet sich auch ein Artikel der Initiative, der im nachfolgenden dokumentiert werden soll, um ihn auch jenseits regionaler Begrenzung zugänglich zu machen. Bezüglich der Einladung zu der Veranstaltungsreihe, die unter dem Titel „Studieren nach Auschwitz. Universität und Nationalsozialismus“ statt findet, welche ab dem 10. Mai, dem Tag an dem 1933 die Bücherverbrennungen Deutschland-weit durchgeführt wurden und das restliche Semester andauern wird, kann man hier in Kürze mehr erfahren.

Immer wieder das Gleiche. Zur Geschichte des schönsten Campus Deutschlands.

Im Zuge des Bildungsstreiks und der Besetzung des Casino-Gebäudes auf dem IG Farben Campus im Winter 2009 wurde die Goethe-Universität von Studierenden symbolisch in „Norbert-Wollheim-Universität“ umbenannt, nach dem Überlebenden des Konzentrationslagers Buna/Monowitz, der die ersten Entschädigungsklagen angestrengt hatte. Auch nach der gewaltsamen Räumung des Casinos konnten in den folgenden Wochen regelmäßig Workshops im Rahmen der ausgerufenen Norbert-Wollheim-Universität stattfinden. Auf den Demonstrationen im Zusammenhang mit der Kritik der Bildungspolitik im Allgemeinen und der offiziellen Politik der Goethe-Universität im Besonderen, war die Parole „Norbert-Wollheim-Universität“ zu hören. Solche Aktionen sind zu begrüßen und deuten darauf hin, dass sich die Studierendenproteste 2009/2010 trotz gegenteiliger Behauptungen des Präsidiums mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandersetzen. Auch wenn sich diese Form der Erinnerung manchmal als etwas verkürzt darstellt, weil sie vor allem an der Person Norbert Wollheim festmacht und damit beschränkt1, so ist es doch Ausdruck einer Tendenz, dass sich mindestens einige Studierende der Geschichte des IG Farben-Campus im Frankfurter Westend bewusst sind und Ansätze für eine weitere Auseinandersetzung existieren.

An dieser Stelle soll deshalb noch einmal im Groben die Geschichte der IG Farben, der Umgang der Universität mit dieser Geschichte und eine Kritik daran skizziert werden, um sich im Folgenden auch der Frage stellen zu können, was dies für ein Studium an dieser Universität und an diesem Campus bedeutet.2

IG Farben im Nationalsozialismus

Auf dem angeblich schönsten Campus Deutschlands, für den sich immer mehr der klangvolle Name „Campus Westend“ durchsetzt, stehen eben jene Gebäude, in denen die Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG, kurz IG Farben, bis 1945 ihren Hauptsitz hatte. Nach mehreren Fusionsschritten von Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts an, bestand der Zusammenschluss der größten deutschen Chemieunternehmen wie BASF, Bayer, Hoechst, AGFA und Cassella ab 1925 unter dem Namen IG Farben. Ende der zwanziger Jahre ließ man als Quasi-Monopol den Architekten Hans Poelzig die repräsentative Verwaltungszentrale in Frankfurt am Main bauen.

In den 1930er Jahren passte sich die Konzernleitung schnell und bereitwillig an die nationalsozialistische Regierung an. Bei der Arisierung ihres Betriebes gingen die IG Farben schnell und gründlich vor – 1936 war fast der komplette Vorstand Mitglied der NSDAP und bestand zum Großteil aus bekennenden Nationalsozialisten; alle jüdischen Vorstandsmitglieder waren entlassen worden. Ab 1938 gab es auch keine jüdischen Angestellten, Arbeiterinnen und Arbeiter mehr. Aus dem vormaligen Feindbild der Nazis – die IG Farben waren Angriffsfläche des antikapitalistisch-antisemitischen Ressentiments gegen das „internationale Finanzkapital“3 – wurde eine der wichtigsten Stützen nationalsozialistischer Wirtschaft; der Konzern unterhielt sehr gute Verbindungen zu den Spitzen des nationalsozialistischen Staates und wurde in die Kriegsplanung und -führung einbezogen. Die IG Farben beteiligten sich am deutschen Bestreben nach Autarkie, indem sie künstlichen Kautschuk (Buna) und Treibstoff herstellten. Diese unmittelbar „kriegswichtige Produktion“ lohnte sich für die IG Farben auch deshalb, weil sie in den überfallenen und besetzten Ländern Zugriff auf Rohstoffe erhielt und große Teile der chemischen Industrie übernahm.

Aufgrund der steigenden Nachfrage nach Buna fiel in Verhandlungen der IG Farben mit dem Reichswirtschaftsministerium 1940 der Entschluss ein neues Werk zu bauen und zwar in Monowitz, einem Ort nahe dem KZ Auschwitz. Ein Grund waren die billigen Arbeitskräfte, die von der SS gestellt wurden – (vor allem jüdische) Zwangsarbeiter. Anfangs mussten diese täglich einen 7 Kilometer langen Hin- und Rückweg von Auschwitz zur Baustelle des Werks IG Auschwitz zurücklegen, welcher den unterernährten und geschwächten Häftlingen die letzten Kräfte raubte – so starben viele während des Fußmarschs. Daher entschied sich die Leitung der IG Auschwitz 1942 dazu neben ihre Fabrik das Lager Buna/Monowitz zu bauen – ein firmeneigenes Konzentrationslager. Dort wurde die Vernichtung durch Arbeit mit solcher Härte betrieben, dass die durchschnittliche Lebenserwartung 3 Monate betrug. Die meisten Häftlinge des KZ Buna/Monowitz, etwa 25-30.000, gingen unter den Bedingungen miserabler Ernährung und Kleidung an der harten Arbeit zugrunde, wurden auf der Baustelle ermordet oder bei einer der Selektionen in die Gaskammern nach Birkenau geschickt.

Nicht nur mit der Ausbeutung von und der Vernichtung durch Zwangsarbeit waren die IG Farben am deutschen Massenmord beteiligt: Die Firma DeGeSch, deren Anteilseigner neben der Degussa und Goldschmitdt die IG Farben waren, verkaufte der SS das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B. Ab 1941, nach dem Beschluss der „Endlösung der Judenfrage“ wurde das Giftgas auf expliziten Wunsch der SS auch ohne beigemischten Warnstoff geliefert. Zyklon B wurde in den Gaskammern eingesetzt.

Die IG Farben profitierten also nicht einfach nur – wie zahlreiche andere deutsche Unternehmen – an Kriegsproduktion und Judenverfolgung, an Zwangsarbeit und Arisierungen. Sie waren bewusst und unmittelbar an der Vernichtung durch Arbeit und am Massenmord beteiligt. Das Haus in dem einige von uns studieren und das gerne klangvoll als „Poelzig-Ensemble“ bezeichnet wird, ist auch das Haus in dem Entscheidungen hierfür getroffen wurden.

IG Farben in Abwicklung

Nach der deutschen Niederlage wurde die IG Farben in die großen Firmen entflochten, welche die IG Farben einst maßgeblich mit begründeten: BASF, Bayer, Cassella und Hoechst. Von den 23 bei den Nürnberger Prozessen angeklagten Vorstandsmitgliedern der IG Farben wurden 13 verurteilt, aus der Haft wurden sie allerdings schon 1951 wieder entlassen, um kurz darauf in den neuen alten Firmen wieder im Vorstand zu sitzen. Zur Regelung »offener Vermögensfragen« wurde die IG Farbenindustrie AG in Liquidation gegründet, die sich danach auflösen sollte und 2003 Insolvenz anmeldete.

Ihrer Verantwortung für ihre ehemaligen Sklavenarbeiter haben sich jedoch weder die Nachfolgeunternehmen noch die Rechtsnachfolge jemals wirklich gestellt. Von ehemaligen Zwangsarbeitern eingeforderte Entschädigungszahlungen fanden nur auf öffentlichen Druck hin, eingeschränkt und in niedriger Höhe statt. Das gilt sowohl für die Zahlungen der IG Farben i.L. nach den von Norbert Wollheim in den Fünzigern angestrengten Entschädigungsklagen, wie auch für die Zahlungen der 2000 gegründeten Stiftung EVZ, an der sich die Nachfolgeunternehmen beteiligten. Nicht die eigene Verantwortlichkeit, sondern deutsches Ansehen und das Abwehren möglicher weitergehender Forderungen gaben den Ausschlag. Das präsentierte man als ein Zeichen guten Willens – ein Schuldeingeständnis war damit ausdrücklich nicht verbunden.

Einige dieser Nachfolgeunternehmen nahmen übrigens im Spätsommer 2009 an einer Tagung der Gesellschaft deutscher Chemiker teil, die im Casino auf dem IG Farben-Campus stattfand. Das Personal der Tagung trug T-Shirts auf die folgender Satz gedruckt war: „Chemiker haben für alles eine Lösung“. Dabei handelt es sich offensichtlich nicht nur um ein schlechtes Wortspiel, sondern um eine bemerkenswerte Fehlleistung und unerträglichen Hohn auf die Opfer.

Wohin mit welcher Geschichte?

Nachdem Abzug der US Army, die das Gebäude seit dem Sieg der Alliierten 1945 genutzt hatte, fiel Mitte der ’90er die Entscheidung, die Goethe-Universität in das IG Farben-Gebäude ziehen und auf dem Gelände den neuen Campus errichten zu lassen. Das geschah auf Initiative des ehemaligen Uni-Präsidenten Werner Meißner, der auch den Namen “Poelzig-Ensemble” prägen sollte, den er ausdrücklich mit dem Wunsch einer “Reinwaschung von nationalsozialistischen Bezügen”4 verband. Darüber entbrannte Streit, maßgeblich von Studierenden, Überlebenden und ProfessorInnen initiiert. Der folgende Präsident Steinberg überließ es dem Senat zu entscheiden, dass das Gebäude weiterhin mit seinem Namen auf die Geschichte der IG Farben verweisen sollte. So hält es offiziell auch das aktuelle Präsidium. Wem also der Name “Poelzig-Ensemble” trotzdem vertraut in den Ohren klingt, die oder der muss also entweder schon vor zehn Jahren in Frankfurt studiert haben oder sich ganz offenbar täuschen.

Der Einzug fand 2001 statt, die offizielle Eröffnungsfeier im Oktober und zwar, wie sich Präsident Steinberg ausdrückte, “im Bewusstsein seiner Geschichte, die in gewisser Weise durchaus eine historische Last darstellt.”5 So wurde mit der Eröffnung auch eine Gedenkplatte am Eingang des Gebäudes eingeweiht (rechts von der Treppe), die gegen den ausdrücklichen Wunsch von Überlebenden liegend und nicht stehend angebracht worden ist.

Mit dem hohen Anspruch, der Geschichte des Gebäudes Rechnung zu tragen, wurde auch die Dauerausstellung Von der Grüneburg zum Campus Westend in den langen, langen Gängen des IG Farben-Hauses eingerichtet. Diese beschränkt sich allerdings keineswegs auf die hier relevante Geschichte: So wird die 2007 erschienene Begleitbroschüre auf der Homepage der Uni unter der Überschrift “Was hat Goethe mit dem Campus Westend zu tun?”6 beworben – das trifft den Charakter der Ausstellung, die sich derart informiert zeigt, dass sie die für alle Auseinandersetzung maßgebende Geschichte der IG Farben in eine reichlich kursorische Allgemeingeschichte des Ortes versenkt.7 Hier findet sich allerhand erstaunliches und Auschwitz gehört eben irgendwie auch dazu; aber dann doch bitte auch Goethe, Hoffmann und schließlich der Auftrag zur hessischen Verfassungsbildung. Man befindet sich eben an einem Ort und in einem Gebäude, “das die dunklen und die hellen Seiten der Geschichte gerade von uns Deutschen zugleich in sich vereinigt”8 (Roland Koch). Die Beteiligung an der Shoah wird also gerade nicht als Einschneidendes begriffen, das nicht einfach auf die Kette einer chronologischen Geschichtsschreibung aufzureihen ist, sondern im Gebäude sollen ganz allgemein “die Brüche der deutschen Geschichte” (Steinberg) zusammenlaufen – derart allgemein als Umbrüche also, dass das spezifische des Zivilisationsbruchs Auschwitz untergeht.

Wie alles was die Universität an Angeboten zur “Aufarbeitung” zu bieten hat, so gilt auch bei der Gedenkplatte und der Dauerausstellung, dass die Spuren des öffentlichen Drucks, der stets nötig war um der Universität solche Zugeständnisse abzuringen, weitestgehend getilgt sind und die Universität es vielmehr vermag, sämtliche Kritik zu vereinnahmen. Deutlich wird das an der Entstehungsgeschichte des Norbert-Wollheim-Memorials, das seit 2008 auf dem Campus besteht.

Hätte es nicht die Forderung nach einer Änderung der Universitätsanschrift von Grüneburg- in Norbert-Wollheim-Platz gegeben, dann wäre es zu dem Memorial wohl nie gekommen. Die Uni-Leitung reagierte auf die von Überlebenden vorgebrachte und international wie von Studierenden unterstützte Forderung nach Umbenennung9 erstmal mit Kompetenzstreitigkeiten und wälzte jede Verantwortung auf die Seite der Behörden ab. Erst nach jahrelangem Streit entwickelte sich schließlich die Idee für ein Memorial – dass die Universität von sich aus keineswegs einen solchen Schritt zur Erinnerung an die Opfer der IG Farben angestrebt hat, verschwindet hinterm Lob “bürgerschaftlichen Engagements”10 (Steinberg). Der “selbstverständlichen Aufgabe offen und kritisch mit der Geschichte der IG Farben umzugehen” widmete sich die Universität aber eben erst nach öffentlichem Druck und nach langer Verhandlung. In der zuständigen Kommission wurde dann ein Entwurf beschlossen, der das IG Farben-Haus selbst völlig unangetastet ließ: Im Pförtnergebäude am Rande des Campus war noch Platz. Statt der Möglichkeit, auch in Konfrontation mit den Auflagen des Denkmalschutzes ein Memorial mit dem IG Farben-Haus selbst in eindeutige Beziehung zu setzen, wurde eine Lösung durchgesetzt, die im Rahmen einer “beeindruckenden künstlerischen Konzeption” die beeindruckende Wirkung des Gebäudes unangekratzt ließ, sich dieser vielmehr unterordnet und einfügt.11

Die inhaltliche Gestaltung verdankt sich der Zusammenarbeit des Fritz-Bauer-Instituts mit Studierenden, Mitarbeitern der Universität und vor allem auch den Überlebenden, die bereit waren über Buna/Monowitz zu sprechen. So steht hier nun auch keineswegs die Arbeit des Memorials zur Kritik – wohl aber, wie sich die Universität auf eine Arbeitsteilung verlässt, die solchen Institutionen das Erinnern an die nationalsozialistische Geschichte des Hauses überlässt, ohne sich als Institution selbst in irgendeiner Form damit zu konfrontieren.

Was für eine Uni an diesem Ort?

Es stellt sich also nicht nur die Frage, ob sich die Universität mit der Geschichte des Hauses in Beziehung setzt – das tut sie so oder so –, sondern wie sie es tut. Wie inszeniert sich die Universität an diesem Ort? Für die Pointe des folgenden Arguments wird man weiter ausholen müssen – es bezieht sich auf eine Entwicklung, die sich durch die Amtszeiten dreier Präsidenten zieht und mit Werner Meißner beginnt. Dessen Versuch mit dem kunstgeschichtlich angehauchten Begriff des “Poelzig-Ensembles” eine “Reinwaschung von nationalsozialistischen Bezügen” zu unternehmen – das heißt also mit universitärer Identitätsstiftung an Architektur “an sich” anzuknüpfen, als der Geschichte gegenüber gleichgültiger Kunst – hat trotz aller Kritik in den folgenden Jahren und bis heute zahlreiche Neuauflagen erfahren.

So ließ man 2001 als erstes die Geistes- und Kulturwissenschaften auf den neuen Campus und in das IG Farben-Gebäude einziehen – es hätte auch eine mehr als makabere Note gehabt, hier Chemie oder Wirtschaftswissenschaften einzuquartieren. Diese Nutzung erscheint auf den ersten Blick als angemessen, wäre da nicht der schale Pathos dieser Geste: Steinberg sprach sogar davon, dass aus dem „Palast des Geldes, später dem Palast der militärischen Macht, (…) der Palast des Geistes werden“12 sollte. Nicht im Widerspruch zum Gebäude und seiner Geschichte also zog die Uni ein, sondern im Einklang mit der gewürdigten „architektonischen Meisterschaft des von Hans Poelzig entworfenen Bauwerks“13 sollte sich der Geist die Repräsentativarchitektur aneignen, die zuvor den IG Farben gedient hatte. So kehrt auch hier das Motiv der Reinwaschung als Umwidmung wieder: Das Gebäude wird nicht in Einheit mit seiner Geschichte begriffen, sondern vielmehr soll eine Einheit von künstlerischer Leistung Poelzigs, dem repräsentativen Ausdruck und neuer universitärer Nutzung hergestellt werden – eine Einheit die gegen die Geschichte, gegen die „nationalsozialistischen Bezüge“ in Stellung gebracht wird.

Dieser gereinigten Identität sollten sich auch die neugebauten und neu zu bauenden Areale des Campus einfügen. Sie beziehen sich nach Vorgabe der Bauherren explizit auf die Architektur Poelzigs. Am anschaulichsten wird das wohl an der fortgeführten Achse und der Übernahme der Travertinfassaden. Auch der verantwortliche Architekt Heide griff die Formulierung Steinbergs auf und visionierte hier einen “Ort des Geistes”. Solcher Bezug auf Architektur als zeitloser Kunst und ihr ungebrochenes Weiterführen wird am besten schlicht als geschichtslos benannt. Offenkundig wird das an einer Äußerung Steinbergs, in der er die klinische Reinlichkeit des neuen Campus mit der “zivilisierenden Kraft der Ästhetik”14 erklärt – dass von hier aus der Zivilisationsbruch der Shoah mitverwaltet wurde, scheint ihm nicht bewusst zu sein.

Der aktuelle Präsident Müller-Esterl hat sich bisher mit konkreteren Äußerungen zur Geschichte der IG Farben auffallend zurückgehalten – hingegen versucht er, sich ein Profil als Kunstfreund zu schaffen und führt damit die von Meißner und Steinberg vorbereitete Linie fort. Gleichzeitig fallen bei ihm aber derartige Kunst- und Vergangenheitspolitik tendenziell zusammen. Beispiel hierfür sind die im Sommer 2009 aufgestellte Skulpturengruppe T.O.L.E.R.A.N.C.E. von Guy Ferrer und die Debatte um die während der Casino-Besetzung entstandenen Schäden an den Rahmen der Werke von Georg Heck. Während die genannte Skulpturengruppe und ihr naiver Appell an Toleranz eindeutig in Beziehung zur Shoah gesetzt wurde, war sie gleichzeitig auch als Kunst vor dem eben explizit als kunstvollen Ort verstandenen Gebäude positioniert: „Ein Wort das wir sagen wollen ist Toleranz, aber ein Wort ist auch Kunst.“15 (Müller-Esterl) In der Debatte um die Casinobesetzung wandte sich diese Politik nun auch gegen Studierende, indem der Präsident in einem Leserbrief wegen der an Rahmen von Heck-Werken und eben auch am Gebäude entstandenen Schäden den etwas peinlichen Versuch unternahm, eine Parallele von Bildungsprotesten und nationalsozialistischen Kampagnen gegen »entartete« Kunst nahezulegen.

Während dieser Debatte um die beschädigten Werke Hecks ließ Städel-Vize-Direktor Sander den aufschlussreichen Begriff der “Teufelsaustreibung”16 fallen – er meinte damit die kunst- und bildungsbeflissene Universität, die für ihn das Gebäude offenbar einer Art Exorzismus unterzieht und die bösen Geister des Nationalsozialismus austreibt. Damit sind wir wieder angekommen, wo wir die ganze Zeit waren: bei der “Reinwaschung von nationalsozialistischen Bezügen”.

Aber was ist nun falsch daran? Warum soll man nicht diesen Ort Kunst und Geist, Bildung und Schönheit widmen? Warum nicht selbstbewusst Kultur gegen die nationalsozialistische Barbarei in Anschlag bringen? Die nationalsozialistischen Verbrechen waren barbarisch – und dennoch fanden sie inmitten von Kultur statt. Daran änderten eben nichts die deutschen Universitäten, die sich mit sämtlichen Disziplinen am Nationalsozialismus beteiligten, auch in Frankfurt. Hiervon zeugt nichts am neuen Campus.

Bildung im Bewusstsein von Geschichte würde eben nicht nur die Frage “Was hat Goethe mit dem Campus Westend zu tun?” stellen, sondern überspitzt formuliert auch: Was hat Goethe mit Auschwitz zu tun? Goethe selbst sicher nichts, aber eine Kultur, die ihn ehrte, war unfähig die Verbrechen in den Konzentrationslagern zu verhindern und daran beteiligt. Auf dieses eigene Scheitern müsste Bildung und Kultur reflektieren, die es ernst meint mit dem Widerstand gegen Barbarei. Dagegen hilft es nicht, mit klangvollen Anrufungen von Kunst, Kultur und Bildung die Barbarei austreiben zu wollen und einen Campus, der mit der Shoah verbunden bleibt, beharrlich als den schönsten Europas zu beschwören.

Studieren nach Auschwitz

Kritik, wie sie hier vorgetragen wurde, ist kein Selbstzweck. Zum einen geht die Frage, wie sich die Universität mit der Geschichte des Campus und auch ihrer Institution selbst in Beziehung setzt, an ihre Substanz – den Anspruch von Bildung. So wäre zu wünschen, dass die Bildungsproteste, die sich ja auch auf Wollheim beziehen, über die Kritik anhand von Begriffen wie „Ökonomisierung“ versus „Bildung“ hinaus auch die hier aufgeworfenen Fragen reflektieren würden.

Zum andern sprechen wir aus der Notwendigkeit heraus, die sich aus der Geschichte ergibt und die nicht nur die offizielle Seite der Universität betrifft, sondern ebenso die studentischen Subjekte. Ein Ausdruck davon ist ja auch die Initiative Studierender am IG Farben-Campus, die unabhängige Versuche unternimmt, an die Verbrechen der Nationalsozialisten zu erinnern. Kurz, ein Appell geht in zwei Richtungen: Einerseits an die Studierenden, dass sie in ihrer Bildung die Geschichte reflektieren und nicht einfach den euphemistischen Wendungen der Uni folgen. Andererseits an die offizielle Hochschulleitung, sich jenseits von Öffentlichkeitsarbeit mit der Geschichte des Nationalsozialismus zu konfrontieren; als Anfang wäre denkbar – das als ein konkreter Vorschlag – eine Ausstellung wie sie in Bockenheim zur nationalsozialistischen Goethe-Universität existiert zu aktualisieren und etwa im Hörsaalzentrum anzubringen.

Eine Diskussion hierüber – was es bedeutet, nach Auschwitz zu studieren – will die Initiative Studierender am IG Farben-Campus hiermit anregen. Im Anschluss an den Jahrestag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933, als die deutsche Studierendenschaft Bücher „undeutschen Geistes“ verbrannte, laden wir zu einer Veranstaltungsreihe ein. Damit soll der Raum für eine solche Diskussion entstehen.

https://initiativestudierenderamigfarbencampus.wordpress.com/

1Das wird vielleicht an einer Anekdote deutlich: Während einer Namenslesung am 27. Januar im Foyer des IG Farben-Hauses, einem Versuch also an die hinter abstrakten Zahlen verschwindenden Namen der Opfer zu erinnern, kamen auch zwei sich unterhaltende Studierende durch das Foyer, die sich darüber verständigten, dass es hier wohl um „Irgendwas mit Norbert Wollheim“ ginge.
2Einige der im Folgenden aufgemachten Punkte werden in unserem Beitrag zur vermutlich im April erscheinenden Broschüre der Veranstaltungsreihe „Verwalten, Vergessen, Verdrängen“ genauer entwickelt.
3Vgl.: Borkin, Joseph: Die Unheimliche Allianz der I.G. Farben. Eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich.. Frankfurt / New York 1990, S. 56. So waren die IG Farben als „Isidor G. Farber“ Gegenstand antisemitischer Karikaturen. Dies sei hier auch deshalb erwähnt, weil hier falsche Vorstellungen, die den Nationalsozialismus als im weitesten Sinne durch die Kapitalistenklasse gegen das „Volk“ initiiert begreifen, ausdrücklich nicht bedient werden sollen. So zum Beispiel im Film Rat der Götter (DDR 1950), in dem bezeichnender Weise der antisemitische Massenmord ausgespart bleibt.
5Präsidium der Universität Frankfurt: Dieser Ort ist Geschichte. Einweihung des Campus Westend, S. 35; URL: http://www.muk.uni-frankfurt.de/Publikationen/Broschueren/dokumente/pdfs/Broschuere_Einweihung1.pdf
7Solch kursorische Geschichtsschreibung findet sich übrigens auch im Programm der Agentur KulturErlebnis, dem offiziellen Kooperationspartner der Uni, die Führungen über den Campus anbietet: Wer näheres über die Geschichte der IG Farben wissen will, wird dort allerdings kaum wirklich fündig werden.
8Dieser Ort ist Geschichte, S. 40
10Aus der Rede Steinbergs zur Eröffnung des Memorials. Ebenso die folgenden Zitate Vgl.: URL: http://www.muk.uni-frankfurt.de/pm/pm2008/dok/212-Wollheim_Er__ffnung.pdf
11Um hier nicht missverstanden zu werden: Es wäre keineswegs zu wünschen, dem monumentalen Gebäude ein monumentales Mahnmal entgegenzusetzen. Es ist eine entscheidende Qualität des Wollheim-Memorials Abstand zu Formen der Erinnerung zu halten, die auf Überwältigung setzen. Konsequenterweise wäre es aber die Monumentalität des IG Farben-Gebäudes gewesen, mit der man hätte brechen müssen.
12Dieser Ort ist Geschichte, S. 33
13ebd., S. 32
15Im Interview mit dem Youtube-Channel der Goethe-Universität. Vgl.: http://www.youtube.com/user/GoetheUniversitaet#p/a/u/1/2G6oFfygCk0
16ebd.

Immer wieder das Gleiche. Zur Geschichte des schönsten Campus Deutschlands.

Im Zuge des Bildungsstreiks und der Besetzung des Casino-Gebäudes auf dem IG Farben Campus im Winter 2009 wurde die Goethe-Universität von Studierenden symbolisch in „Norbert-Wollheim-Universität“ umbenannt, nach dem Überlebenden des Konzentrationslagers Buna/Monowitz, der die ersten Entschädigungsklagen angestrengt hatte. Auch nach der gewaltsamen Räumung des Casinos konnten in den folgenden Wochen regelmäßig Workshops im Rahmen der ausgerufenen Norbert-Wollheim-Universität stattfinden. Auf den Demonstrationen im Zusammenhang mit der Kritik der Bildungspolitik im Allgemeinen und der offiziellen Politik der Goethe-Universität im Besonderen, war die Parole „Norbert-Wollheim-Universität“ zu hören. Solche Aktionen sind zu begrüßen und deuten darauf hin, dass sich die Studierendenproteste 2009/2010 trotz gegenteiliger Behauptungen des Präsidiums mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandersetzen. Auch wenn sich diese Form der Erinnerung manchmal als etwas verkürzt darstellt, weil sie vor allem an der Person Norbert Wollheim festmacht und damit beschränkt1, so ist es doch Ausdruck einer Tendenz, dass sich mindestens einige Studierende der Geschichte des IG Farben-Campus im Frankfurter Westend bewusst sind und Ansätze für eine weitere Auseinandersetzung existieren.

An dieser Stelle soll deshalb noch einmal im Groben die Geschichte der IG Farben, der Umgang der Universität mit dieser Geschichte und eine Kritik daran skizziert werden, um sich im Folgenden auch der Frage stellen zu können, was dies für ein Studium an dieser Universität und an diesem Campus bedeutet.2

IG Farben im Nationalsozialismus

Auf dem angeblich schönsten Campus Deutschlands, für den sich immer mehr der klangvolle Name „Campus Westend“ durchsetzt, stehen eben jene Gebäude, in denen die Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG, kurz IG Farben, bis 1945 ihren Hauptsitz hatte. Nach mehreren Fusionsschritten von Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts an, bestand der Zusammenschluss der größten deutschen Chemieunternehmen wie BASF, Bayer, Hoechst, AGFA und Cassella ab 1925 unter dem Namen IG Farben. Ende der zwanziger Jahre ließ man als Quasi-Monopol den Architekten Hans Poelzig die repräsentative Verwaltungszentrale in Frankfurt am Main bauen.

In den 1930er Jahren passte sich die Konzernleitung schnell und bereitwillig an die nationalsozialistische Regierung an. Bei der Arisierung ihres Betriebes gingen die IG Farben schnell und gründlich vor – 1936 war fast der komplette Vorstand Mitglied der NSDAP und bestand zum Großteil aus bekennenden Nationalsozialisten; alle jüdischen Vorstandsmitglieder waren entlassen worden. Ab 1938 gab es auch keine jüdischen Angestellten, Arbeiterinnen und Arbeiter mehr. Aus dem vormaligen Feindbild der Nazis – die IG Farben waren Angriffsfläche des antikapitalistisch-antisemitischen Ressentiments gegen das „internationale Finanzkapital“3 – wurde eine der wichtigsten Stützen nationalsozialistischer Wirtschaft; der Konzern unterhielt sehr gute Verbindungen zu den Spitzen des nationalsozialistischen Staates und wurde in die Kriegsplanung und -führung einbezogen. Die IG Farben beteiligten sich am deutschen Bestreben nach Autarkie, indem sie künstlichen Kautschuk (Buna) und Treibstoff herstellten. Diese unmittelbar „kriegswichtige Produktion“ lohnte sich für die IG Farben auch deshalb, weil sie in den überfallenen und besetzten Ländern Zugriff auf Rohstoffe erhielt und große Teile der chemischen Industrie übernahm.

Aufgrund der steigenden Nachfrage nach Buna fiel in Verhandlungen der IG Farben mit dem Reichswirtschaftsministerium 1940 der Entschluss ein neues Werk zu bauen und zwar in Monowitz, einem Ort nahe dem KZ Auschwitz. Ein Grund waren die billigen Arbeitskräfte, die von der SS gestellt wurden – (vor allem jüdische) Zwangsarbeiter. Anfangs mussten diese täglich einen 7 Kilometer langen Hin- und Rückweg von Auschwitz zur Baustelle des Werks IG Auschwitz zurücklegen, welcher den unterernährten und geschwächten Häftlingen die letzten Kräfte raubte – so starben viele während des Fußmarschs. Daher entschied sich die Leitung der IG Auschwitz 1942 dazu neben ihre Fabrik das Lager Buna/Monowitz zu bauen – ein firmeneigenes Konzentrationslager. Dort wurde die Vernichtung durch Arbeit mit solcher Härte betrieben, dass die durchschnittliche Lebenserwartung 3 Monate betrug. Die meisten Häftlinge des KZ Buna/Monowitz, etwa 25-30.000, gingen unter den Bedingungen miserabler Ernährung und Kleidung an der harten Arbeit zugrunde, wurden auf der Baustelle ermordet oder bei einer der Selektionen in die Gaskammern nach Birkenau geschickt.

Nicht nur mit der Ausbeutung von und der Vernichtung durch Zwangsarbeit waren die IG Farben am deutschen Massenmord beteiligt: Die Firma DeGeSch, deren Anteilseigner neben der Degussa und Goldschmitdt die IG Farben waren, verkaufte der SS das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B. Ab 1941, nach dem Beschluss der „Endlösung der Judenfrage“ wurde das Giftgas auf expliziten Wunsch der SS auch ohne beigemischten Warnstoff geliefert. Zyklon B wurde in den Gaskammern eingesetzt.

Die IG Farben profitierten also nicht einfach nur – wie zahlreiche andere deutsche Unternehmen – an Kriegsproduktion und Judenverfolgung, an Zwangsarbeit und Arisierungen. Sie waren bewusst und unmittelbar an der Vernichtung durch Arbeit und am Massenmord beteiligt. Das Haus in dem einige von uns studieren und das gerne klangvoll als „Poelzig-Ensemble“ bezeichnet wird, ist auch das Haus in dem Entscheidungen hierfür getroffen wurden.

IG Farben in Abwicklung

Nach der deutschen Niederlage wurde die IG Farben in die großen Firmen entflochten, welche die IG Farben einst maßgeblich mit begründeten: BASF, Bayer, Cassella und Hoechst. Von den 23 bei den Nürnberger Prozessen angeklagten Vorstandsmitgliedern der IG Farben wurden 13 verurteilt, aus der Haft wurden sie allerdings schon 1951 wieder entlassen, um kurz darauf in den neuen alten Firmen wieder im Vorstand zu sitzen. Zur Regelung »offener Vermögensfragen« wurde die IG Farbenindustrie AG in Liquidation gegründet, die sich danach auflösen sollte und 2003 Insolvenz anmeldete.

Ihrer Verantwortung für ihre ehemaligen Sklavenarbeiter haben sich jedoch weder die Nachfolgeunternehmen noch die Rechtsnachfolge jemals wirklich gestellt. Von ehemaligen Zwangsarbeitern eingeforderte Entschädigungszahlungen fanden nur auf öffentlichen Druck hin, eingeschränkt und in niedriger Höhe statt. Das gilt sowohl für die Zahlungen der IG Farben i.L. nach den von Norbert Wollheim in den Fünzigern angestrengten Entschädigungsklagen, wie auch für die Zahlungen der 2000 gegründeten Stiftung EVZ, an der sich die Nachfolgeunternehmen beteiligten. Nicht die eigene Verantwortlichkeit, sondern deutsches Ansehen und das Abwehren möglicher weitergehender Forderungen gaben den Ausschlag. Das präsentierte man als ein Zeichen guten Willens – ein Schuldeingeständnis war damit ausdrücklich nicht verbunden.

Einige dieser Nachfolgeunternehmen nahmen übrigens im Spätsommer 2009 an einer Tagung der Gesellschaft deutscher Chemiker teil, die im Casino auf dem IG Farben-Campus stattfand. Das Personal der Tagung trug T-Shirts auf die folgender Satz gedruckt war: „Chemiker haben für alles eine Lösung“. Dabei handelt es sich offensichtlich nicht nur um ein schlechtes Wortspiel, sondern um eine bemerkenswerte Fehlleistung und unerträglichen Hohn auf die Opfer.

Wohin mit welcher Geschichte?

Nachdem Abzug der US Army, die das Gebäude seit dem Sieg der Alliierten 1945 genutzt hatte, fiel Mitte der ’90er die Entscheidung, die Goethe-Universität in das IG Farben-Gebäude ziehen und auf dem Gelände den neuen Campus errichten zu lassen. Das geschah auf Initiative des ehemaligen Uni-Präsidenten Werner Meißner, der auch den Namen “Poelzig-Ensemble” prägen sollte, den er ausdrücklich mit dem Wunsch einer “Reinwaschung von nationalsozialistischen Bezügen”4 verband. Darüber entbrannte Streit, maßgeblich von Studierenden, Überlebenden und ProfessorInnen initiiert. Der folgende Präsident Steinberg überließ es dem Senat zu entscheiden, dass das Gebäude weiterhin mit seinem Namen auf die Geschichte der IG Farben verweisen sollte. So hält es offiziell auch das aktuelle Präsidium. Wem also der Name “Poelzig-Ensemble” trotzdem vertraut in den Ohren klingt, die oder der muss also entweder schon vor zehn Jahren in Frankfurt studiert haben oder sich ganz offenbar täuschen.

Der Einzug fand 2001 statt, die offizielle Eröffnungsfeier im Oktober und zwar, wie sich Präsident Steinberg ausdrückte, “im Bewusstsein seiner Geschichte, die in gewisser Weise durchaus eine historische Last darstellt.”5 So wurde mit der Eröffnung auch eine Gedenkplatte am Eingang des Gebäudes eingeweiht (rechts von der Treppe), die gegen den ausdrücklichen Wunsch von Überlebenden liegend und nicht stehend angebracht worden ist.

Mit dem hohen Anspruch, der Geschichte des Gebäudes Rechnung zu tragen, wurde auch die Dauerausstellung Von der Grüneburg zum Campus Westend in den langen, langen Gängen des IG Farben-Hauses eingerichtet. Diese beschränkt sich allerdings keineswegs auf die hier relevante Geschichte: So wird die 2007 erschienene Begleitbroschüre auf der Homepage der Uni unter der Überschrift “Was hat Goethe mit dem Campus Westend zu tun?”6 beworben – das trifft den Charakter der Ausstellung, die sich derart informiert zeigt, dass sie die für alle Auseinandersetzung maßgebende Geschichte der IG Farben in eine reichlich kursorische Allgemeingeschichte des Ortes versenkt.7 Hier findet sich allerhand erstaunliches und Auschwitz gehört eben irgendwie auch dazu; aber dann doch bitte auch Goethe, Hoffmann und schließlich der Auftrag zur hessischen Verfassungsbildung. Man befindet sich eben an einem Ort und in einem Gebäude, “das die dunklen und die hellen Seiten der Geschichte gerade von uns Deutschen zugleich in sich vereinigt8 (Roland Koch). Die Beteiligung an der Shoah wird also gerade nicht als Einschneidendes begriffen, das nicht einfach auf die Kette einer chronologischen Geschichtsschreibung aufzureihen ist, sondern im Gebäude sollen ganz allgemein “die Brüche der deutschen Geschichte” (Steinberg) zusammenlaufen – derart allgemein als Umbrüche also, dass das spezifische des Zivilisationsbruchs Auschwitz untergeht.

Wie alles was die Universität an Angeboten zur “Aufarbeitung” zu bieten hat, so gilt auch bei der Gedenkplatte und der Dauerausstellung, dass die Spuren des öffentlichen Drucks, der stets nötig war um der Universität solche Zugeständnisse abzuringen, weitestgehend getilgt sind und die Universität es vielmehr vermag, sämtliche Kritik zu vereinnahmen. Deutlich wird das an der Entstehungsgeschichte des Norbert-Wollheim-Memorials, das seit 2008 auf dem Campus besteht.

Hätte es nicht die Forderung nach einer Änderung der Universitätsanschrift von Grüneburg- in Norbert-Wollheim-Platz gegeben, dann wäre es zu dem Memorial wohl nie gekommen. Die Uni-Leitung reagierte auf die von Überlebenden vorgebrachte und international wie von Studierenden unterstützte Forderung nach Umbenennung9 erstmal mit Kompetenzstreitigkeiten und wälzte jede Verantwortung auf die Seite der Behörden ab. Erst nach jahrelangem Streit entwickelte sich schließlich die Idee für ein Memorial – dass die Universität von sich aus keineswegs einen solchen Schritt zur Erinnerung an die Opfer der IG Farben angestrebt hat, verschwindet hinterm Lob “bürgerschaftlichen Engagements”10 (Steinberg). Der “selbstverständlichen Aufgabe offen und kritisch mit der Geschichte der IG Farben umzugehen” widmete sich die Universität aber eben erst nach öffentlichem Druck und nach langer Verhandlung. In der zuständigen Kommission wurde dann ein Entwurf beschlossen, der das IG Farben-Haus selbst völlig unangetastet ließ: Im Pförtnergebäude am Rande des Campus war noch Platz. Statt der Möglichkeit, auch in Konfrontation mit den Auflagen des Denkmalschutzes ein Memorial mit dem IG Farben-Haus selbst in eindeutige Beziehung zu setzen, wurde eine Lösung durchgesetzt, die im Rahmen einer “beeindruckenden künstlerischen Konzeption” die beeindruckende Wirkung des Gebäudes unangekratzt ließ, sich dieser vielmehr unterordnet und einfügt.11

Die inhaltliche Gestaltung verdankt sich der Zusammenarbeit des Fritz-Bauer-Instituts mit Studierenden, Mitarbeitern der Universität und vor allem auch den Überlebenden, die bereit waren über Buna/Monowitz zu sprechen. So steht hier nun auch keineswegs die Arbeit des Memorials zur Kritik – wohl aber, wie sich die Universität auf eine Arbeitsteilung verlässt, die solchen Institutionen das Erinnern an die nationalsozialistische Geschichte des Hauses überlässt, ohne sich als Institution selbst in irgendeiner Form damit zu konfrontieren.

Was für eine Uni an diesem Ort?

Es stellt sich also nicht nur die Frage, ob sich die Universität mit der Geschichte des Hauses in Beziehung setzt – das tut sie so oder so –, sondern wie sie es tut. Wie inszeniert sich die Universität an diesem Ort? Für die Pointe des folgenden Arguments wird man weiter ausholen müssen – es bezieht sich auf eine Entwicklung, die sich durch die Amtszeiten dreier Präsidenten zieht und mit Werner Meißner beginnt. Dessen Versuch mit dem kunstgeschichtlich angehauchten Begriff des “Poelzig-Ensembles” eine “Reinwaschung von nationalsozialistischen Bezügen” zu unternehmen – das heißt also mit universitärer Identitätsstiftung an Architektur “an sich” anzuknüpfen, als der Geschichte gegenüber gleichgültiger Kunst – hat trotz aller Kritik in den folgenden Jahren und bis heute zahlreiche Neuauflagen erfahren.

So ließ man 2001 als erstes die Geistes- und Kulturwissenschaften auf den neuen Campus und in das IG Farben-Gebäude einziehen – es hätte auch eine mehr als makabere Note gehabt, hier Chemie oder Wirtschaftswissenschaften einzuquartieren. Diese Nutzung erscheint auf den ersten Blick als angemessen, wäre da nicht der schale Pathos dieser Geste: Steinberg sprach sogar davon, dass aus dem „Palast des Geldes, später dem Palast der militärischen Macht, (…) der Palast des Geistes werden12 sollte. Nicht im Widerspruch zum Gebäude und seiner Geschichte also zog die Uni ein, sondern im Einklang mit der gewürdigten „architektonischen Meisterschaft des von Hans Poelzig entworfenen Bauwerks“13 sollte sich der Geist die Repräsentativarchitektur aneignen, die zuvor den IG Farben gedient hatte. So kehrt auch hier das Motiv der Reinwaschung als Umwidmung wieder: Das Gebäude wird nicht in Einheit mit seiner Geschichte begriffen, sondern vielmehr soll eine Einheit von künstlerischer Leistung Poelzigs, dem repräsentativen Ausdruck und neuer universitärer Nutzung hergestellt werden – eine Einheit die gegen die Geschichte, gegen die „nationalsozialistischen Bezüge“ in Stellung gebracht wird.

Dieser gereinigten Identität sollten sich auch die neugebauten und neu zu bauenden Areale des Campus einfügen. Sie beziehen sich nach Vorgabe der Bauherren explizit auf die Architektur Poelzigs. Am anschaulichsten wird das wohl an der fortgeführten Achse und der Übernahme der Travertinfassaden. Auch der verantwortliche Architekt Heide griff die Formulierung Steinbergs auf und visionierte hier einen “Ort des Geistes”. Solcher Bezug auf Architektur als zeitloser Kunst und ihr ungebrochenes Weiterführen wird am besten schlicht als geschichtslos benannt. Offenkundig wird das an einer Äußerung Steinbergs, in der er die klinische Reinlichkeit des neuen Campus mit der “zivilisierenden Kraft der Ästhetik”14 erklärt – dass von hier aus der Zivilisationsbruch der Shoah mitverwaltet wurde, scheint ihm nicht bewusst zu sein.

Der aktuelle Präsident Müller-Esterl hat sich bisher mit konkreteren Äußerungen zur Geschichte der IG Farben auffallend zurückgehalten – hingegen versucht er, sich ein Profil als Kunstfreund zu schaffen und führt damit die von Meißner und Steinberg vorbereitete Linie fort. Gleichzeitig fallen bei ihm aber derartige Kunst- und Vergangenheitspolitik tendenziell zusammen. Beispiel hierfür sind die im Sommer 2009 aufgestellte Skulpturengruppe T.O.L.E.R.A.N.C.E. von Guy Ferrer und die Debatte um die während der Casino-Besetzung entstandenen Schäden an den Rahmen der Werke von Georg Heck. Während die genannte Skulpturengruppe und ihr naiver Appell an Toleranz eindeutig in Beziehung zur Shoah gesetzt wurde, war sie gleichzeitig auch als Kunst vor dem eben explizit als kunstvollen Ort verstandenen Gebäude positioniert: „Ein Wort das wir sagen wollen ist Toleranz, aber ein Wort ist auch Kunst.“15 (Müller-Esterl) In der Debatte um die Casinobesetzung wandte sich diese Politik nun auch gegen Studierende, indem der Präsident in einem Leserbrief wegen der an Rahmen von Heck-Werken und eben auch am Gebäude entstandenen Schäden den etwas peinlichen Versuch unternahm, eine Parallele von Bildungsprotesten und nationalsozialistischen Kampagnen gegen »entartete« Kunst nahezulegen.

Während dieser Debatte um die beschädigten Werke Hecks ließ Städel-Vize-Direktor Sander den aufschlussreichen Begriff der “Teufelsaustreibung”16 fallen – er meinte damit die kunst- und bildungsbeflissene Universität, die für ihn das Gebäude offenbar einer Art Exorzismus unterzieht und die bösen Geister des Nationalsozialismus austreibt. Damit sind wir wieder angekommen, wo wir die ganze Zeit waren: bei der “Reinwaschung von nationalsozialistischen Bezügen”.

Aber was ist nun falsch daran? Warum soll man nicht diesen Ort Kunst und Geist, Bildung und Schönheit widmen? Warum nicht selbstbewusst Kultur gegen die nationalsozialistische Barbarei in Anschlag bringen? Die nationalsozialistischen Verbrechen waren barbarisch – und dennoch fanden sie inmitten von Kultur statt. Daran änderten eben nichts die deutschen Universitäten, die sich mit sämtlichen Disziplinen am Nationalsozialismus beteiligten, auch in Frankfurt. Hiervon zeugt nichts am neuen Campus.

Bildung im Bewusstsein von Geschichte würde eben nicht nur die Frage “Was hat Goethe mit dem Campus Westend zu tun?” stellen, sondern überspitzt formuliert auch: Was hat Goethe mit Auschwitz zu tun? Goethe selbst sicher nichts, aber eine Kultur, die ihn ehrte, war unfähig die Verbrechen in den Konzentrationslagern zu verhindern und daran beteiligt. Auf dieses eigene Scheitern müsste Bildung und Kultur reflektieren, die es ernst meint mit dem Widerstand gegen Barbarei. Dagegen hilft es nicht, mit klangvollen Anrufungen von Kunst, Kultur und Bildung die Barbarei austreiben zu wollen und einen Campus, der mit der Shoah verbunden bleibt, beharrlich als den schönsten Europas zu beschwören.

Studieren nach Auschwitz

Kritik, wie sie hier vorgetragen wurde, ist kein Selbstzweck. Zum einen geht die Frage, wie sich die Universität mit der Geschichte des Campus und auch ihrer Institution selbst in Beziehung setzt, an ihre Substanz – den Anspruch von Bildung. So wäre zu wünschen, dass die Bildungsproteste, die sich ja auch auf Wollheim beziehen, über die Kritik anhand von Begriffen wie „Ökonomisierung“ versus „Bildung“ hinaus auch die hier aufgeworfenen Fragen reflektieren würden.

Zum andern sprechen wir aus der Notwendigkeit heraus, die sich aus der Geschichte ergibt und die nicht nur die offizielle Seite der Universität betrifft, sondern ebenso die studentischen Subjekte. Ein Ausdruck davon ist ja auch die Initiative Studierender am IG Farben-Campus, die unabhängige Versuche unternimmt, an die Verbrechen der Nationalsozialisten zu erinnern. Kurz, ein Appell geht in zwei Richtungen: Einerseits an die Studierenden, dass sie in ihrer Bildung die Geschichte reflektieren und nicht einfach den euphemistischen Wendungen der Uni folgen. Andererseits an die offizielle Hochschulleitung, sich jenseits von Öffentlichkeitsarbeit mit der Geschichte des Nationalsozialismus zu konfrontieren; als Anfang wäre denkbar – das als ein konkreter Vorschlag – eine Ausstellung wie sie in Bockenheim zur nationalsozialistischen Goethe-Universität existiert zu aktualisieren und etwa im Hörsaalzentrum anzubringen.

Eine Diskussion hierüber – was es bedeutet, nach Auschwitz zu studieren – will die Initiative Studierender am IG Farben-Campus hiermit anregen. Im Anschluss an den Jahrestag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933, als die deutsche Studierendenschaft Bücher „undeutschen Geistes“ verbrannte, laden wir zu einer Veranstaltungsreihe ein. Damit soll der Raum für eine solche Diskussion entstehen.

https://initiativestudierenderamigfarbencampus.wordpress.com/

1Das wird vielleicht an einer Anekdote deutlich: Während einer Namenslesung am 27. Januar im Foyer des IG Farben-Hauses, einem Versuch also an die hinter abstrakten Zahlen verschwindenden Namen der Opfer zu erinnern, kamen auch zwei sich unterhaltende Studierende durch das Foyer, die sich darüber verständigten, dass es hier wohl um „Irgendwas mit Norbert Wollheim“ ginge.

2Einige der im Folgenden aufgemachten Punkte werden in unserem Beitrag zur vermutlich im April erscheinenden Broschüre der Veranstaltungsreihe „Verwalten, Vergessen, Verdrängen“ genauer entwickelt.

3Vgl.: Borkin, Joseph: Die Unheimliche Allianz der I.G. Farben. Eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich.. Frankfurt / New York 1990, S. 56. So waren die IG Farben als „Isidor G. Farber“ Gegenstand antisemitischer Karikaturen. Dies sei hier auch deshalb erwähnt, weil hier falsche Vorstellungen, die den Nationalsozialismus als im weitesten Sinne durch die Kapitalistenklasse gegen das „Volk“ initiiert begreifen, ausdrücklich nicht bedient werden sollen. So zum Beispiel im Film Rat der Götter (DDR 1950), in dem bezeichnender Weise der antisemitische Massenmord ausgespart bleibt.

5Präsidium der Universität Frankfurt: Dieser Ort ist Geschichte. Einweihung des Campus Westend, S. 35; URL: http://www.muk.uni-frankfurt.de/Publikationen/Broschueren/dokumente/pdfs/Broschuere_Einweihung1.pdf

7Solch kursorische Geschichtsschreibung findet sich übrigens auch im Programm der Agentur KulturErlebnis, dem offiziellen Kooperationspartner der Uni, die Führungen über den Campus anbietet: Wer näheres über die Geschichte der IG Farben wissen will, wird dort allerdings kaum wirklich fündig werden.

8Dieser Ort ist Geschichte, S. 40

10Aus der Rede Steinbergs zur Eröffnung des Memorials. Ebenso die folgenden Zitate Vgl.: URL: http://www.muk.uni-frankfurt.de/pm/pm2008/dok/212-Wollheim_Er__ffnung.pdf

11Um hier nicht missverstanden zu werden: Es wäre keineswegs zu wünschen, dem monumentalen Gebäude ein monumentales Mahnmal entgegenzusetzen. Es ist eine entscheidende Qualität des Wollheim-Memorials Abstand zu Formen der Erinnerung zu halten, die auf Überwältigung setzen. Konsequenterweise wäre es aber die Monumentalität des IG Farben-Gebäudes gewesen, mit der man hätte brechen müssen.

12Dieser Ort ist Geschichte, S. 33

13ebd., S. 32

15Im Interview mit dem Youtube-Channel der Goethe-Universität. Vgl.: http://www.youtube.com/user/GoetheUniversitaet#p/a/u/1/2G6oFfygCk0

16ebd.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Immer wieder das Gleiche. Zur Geschichte des schönsten Campus Deutschlands.

  1. Pingback: HEP II: Auch die Goethe Uni wird den Juden Auschwitz nie verzeihen « GoetheWatch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s