Artikel über die Initiative in der Frankfurter Rundschau

Letzte Woche Mittwoch erschien in der Frankfurter Rundschau eine kleines Porträt über die Initiative, die Nachfolgend dokumentiert wird. Des weiteren wurde in einem Leitartikel, mit der Überschrift „Wissenschaftler waren Nazis“, Bezug auf die Initiative genommen, welcher auch unten stehend einsehbar gemacht wird.

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Unbehagen im Prestige-Objekt

Initiative Studierender fordert Auseinandersetzung mit der Uni im Nationalsozialismus

Von Anne Lemhöfer

Johannes Rhein ist 24 Jahre alt und kann von Glück sagen: Er studiert auf dem schönsten Campus Europas. So beschrieb Rudolf Steinberg, ehemaliger Präsident der Frankfurter Goethe-Universität und Architekt des Campus im Westend, das Ensemble der neuen und alten Hochschul-Gebäude. Dabei ist schön ja immer relativ.

Johannes Rhein, der Soziologie und Theater-, Film- und Medienwissenschaft auf Magister studiert, ist eher irritiert von dem bruchlosen Ensemble-Charakter, zu dem Alt und Neu hier verschmolzen: „Das ist geschichtslose Architektur.“ Eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des einstigen IG-Farben-Hauptquartiers und seiner Rolle bei der Vernichtungvon Menschen im Nationalsozialismus hatte er sich anders vorgestellt. „Ich habe von Anfang an ein Unbehagen auf dem Campus verspürt“, sagt er.

1927 war aus sechs Chemieunternehmen ein schlagkräftiger Konzern entstanden. Für die 2000 Angestellten in der modernen Verwaltungszentrale bauten die Konzernlenker einen eigenen Stadtteil mit Wohnvierteln längs der Miquel- und der Hansaallee. „Zu dieser Geschichte muss sich die Unileitung irgendwie verhalten“, sagt Rhein.

Doch das vermisst er, der sich mit der „Initiative Studierender am IG-Farben-Campus“ für eine präsentere Erinnerung an all die Verstrickungen einsetzt. „Wir begrüßen natürlich das Norbert-Wollheim-Memorial, aber die Auseinandersetzung muss weitergehen.“

Und zwar nicht nur die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Geschichte des Ortes, sondern auch mit der von Universität und Wissenschaft. Derzeit erinnert daran nur eine Ausstellung aus Tafeln, die Studierende der Goethe-Uni bereits in den 80er Jahren erstellt hatten. „Wir wollen uns dafür einsetzen, dass die Tafeln ins Westend umziehen, am liebsten an einen zentralen Ort im neuen Hörsaalzentrum“, sagt Patrick Schwentke, der ebenfalls der Gruppe angehört.

Präsident Werner Müller-Esterl habe bereits Entgegenkommen signlisiert.

Allerdings will die Initiative (im Internet präsent im Blog initiativestudierenderamigfarbencampus.wordpress.com) die Debatte weiter vorantreiben. Hochgradig irritiert waren Rhein und Schwentke, als der stellvertretende Städel-Chef Jochen Sander, der an der Goethe-Uni Honorarprofessor ist, das Betreiben von Wissenschaft am belasteten Ort eine „Teufelsaustreibung“ nannte.

„Auch Frankfurter Intellektuelle waren Nazis“, sagt Johannes Rhein. Die Wissenschaft sei eben kein Bollwerk gegen den Nationalsozialismus gewesen, sondern habe ihn mitgetragen und ihm einen intellektuellen Überbau geliefert. Um das zu zeigen, laden die Studierenden zu einer Vortragsreihe ein. Zudem präsentiert sich die Initiative an Gedenktagen, etwa dem Tag des Gedenkens an die Befreiung von Auschwitz. Fünf Stunden lang verlasen Studierende am 27. Januar dieses Jahres Namen derer, die man in den 40ern von der Zwangsarbeit für die IG Farben im Kautschukwerk Monowitz in den Tod schickte.

Buna-Monowitz

Das Konzentrationslager Auschwitz III oder Monowitz im Ort Monowice war ein KZ für Industrieansiedlungen im besetzten Südpolen. Es lag etwa sechs Kilometer östlich vom Stammlager Auschwitz I entfernt auf dem Gelände der Buna-Werke der IG Farben AG.

Die meisten der Häftlinge, zwischen 25 000 und 30000, starben an Unterernährung und Arbeitsbedingungen oder in den Gaskammern von Birkenau.

Neben der Zwangsarbeit verdienten die IG Farben auch an der deutschen Massenvernichtung von Menschen: die Tochterfirma DeGeSch verkaufte der SS das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B, dass in den Gaskammern eingesetzt wurde. (lem)

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Leitartikel

Wissenschaftler waren Nazis

Von Anne Lemhöfer
Es war eine mehr als ungeschickte Wortwahl, zu der sich Honorarprofessor und Städel-Vize Jochen Sander nach der Casino-Besetzung im Vorjahr in einer Videobotschaft an die Studierenden hinreißen ließ. Darin wollte er eigentlich nur die beschmierten Rahmen der Gemälde des von den Nazis verfolgten Künstlers Georg Heck kritisieren. Doch er verstieg sich dazu, zu sagen, die Errichtung einer Universität an einem belasteten Ort wie dem IG-Farben-Gelände sei eine Art „Teufelsaustreibung“.

Die Initiative Studierender am Campus Westend, die sich engagiert für die Erinnerung an die nationalsozialistische Geschichte ihrer Uni einsetzt, weist in ihrer aktuellen Vortragsreihe „Studieren nach Auschwitz“ zurecht darauf hin: Wissenschaft und Nationalsozialismus waren mitnichten Gegensatzpaare. Auch Frankfurter Intellektuelle haben mitgeholfen, der Vernichtung von Menschen einen akademischen Überbau zu zimmern. Eine Universität ist keine ideologiefreie Zone. Als Bollwerk gegen die Ermordung von Millionen hat die Goethe-Uni seinerzeit versagt. Es ist daher wichtig, dass sich die Initiative am heutigen Mittwochabend etwa dem einstigen Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene der Uni widmet – das der Leitung des eigens aus Berlin berufenen Otmar Freiherr von Verschuer unterstand, dem Doktorvater Josef Mengeles.

Man kann darüber streiten, ob es eine gute Idee war, die neuen Hochschulgebäude im Westend bruchlos in das architektonische Ensemble des früheren IG-Farben-Hauptsitzes einzufügen, oder ob nicht zumindest optisch ein Neuanfang besser gewesen wäre. Fest steht: Die Universitätsleitung hat sich mit dem Areal an der Hansaallee einen besonderen Ort ausgesucht, den es mit Bedacht zu bespielen gilt.

Schön, dass sich Studierende dessen bewusst sind und schade, dass sie oft die Einzigen sind. Das war schon in den 80ern so, als es auch Studenten waren, die eine Ausstellung über die Goethe-Uni zwischen 1933 und 1945 erstellten und in der Bockenheimer Neuen Mensa aufhängten. Warum sind die gut recherchierten Tafeln immer noch nicht umgezogen?

Es wäre schade, wenn sich die Unileitung wieder zum Jagen tragen lassen müsste und dem Diskurs an anderen Hochschulen wie der TU Darmstadt weiter hinterherhinkte. Bietet doch gerade so ein Ort die Möglichkeit, etwa in Zusammenarbeit mit dem renommierten Fritz-Bauer-Institut, auch in Sachen Geschichtspolitik die sonst viel beschworene Exzellenz anzustreben. Welch ein attraktives Forschungsumfeld für Historiker aus aller Welt! Der IG-Farben-Campus ist nicht nur eine Bürde. Sondern auch eine Chance.

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