Dokumentation des Redebeitrags der Initiative

Nachstehend wird der Redebeitrag der Initiative, der während des Gedenkspaziergangs am 09. November am Börneplatz verlesen wurde, dokumentiert. Des weiteren findet man ihn als PDF Version unter der Rubrik „Texte“, sowie den leicht überarbeiteten Beitrag „Zum 9. November 1938“.

Entgegen der offiziellen Behauptung ist Gedenken kein reiner Selbstzweck, auch wenn dieses sich so gibt. Ein politisches Moment wohnt ihm immer inne und seien es nur die zu ziehenden Konsequenzen eines „Never Again“, also „Nie wieder“. Gleichzeitig muss Gedenken reiner Selbtszweck sein, denn die Fragestellung „was sich aus der Geschichte lernen lässt“, macht die Opfer noch einmal zu Objekten, „als ob sie getötet wurden, nur um den Nachfahren Lehren zu erteilen“, wie es Detlev Clausen einmal formulierte. An dieser Aporie kommt kein Erinnern, kein Gedenken vorbei. Es zu reflektierten Voraussetzung und Unmöglichkeit zugleich. Jedoch gerade anhand des Gedenkdiskurses der Berliner Republik,den Debatten, Skandalen und Eklats, lässt sich allzu deutlich sehen, dass „die vielzitierte Aufarbeitung der Vergangenheit bis heute nicht gelang und zu ihrem Zerrbild, dem leeren kalten Vergessen ausartet“ (Adorno). Nicht nur aufgrund der bewußtlosen Aporie, die eben formuliert wurde, sondern allzu oft, weil aus und mit Gedenken politisch motiviertes Handeln und Bewusstsein entsprang, welche die Deutsche Nation wieder zu einer solchen werden ließ. SO hat eine Bewegung in den letzten 60 Jahren statt gefunden, die erst schweigen und verleugnen bedeutete, sich über die Jahre hin zu einem aktiven Erinnern gewandelt hat, sich jedoch Einverleibt wurde um beispielsweise zum Ansehen Deutschlands im Ausland beizutragen und sich selbst wieder als erstarkte Nation einzusetzen. Dabei tut man so, als könnte man etwas ab-erinnern, um dann auch auf die eigenen vermeintlichen Opferrollen sprechen zu kommen. Man tut so als wäre Gedenken etwas rein positives und unterschlägt damit sein vollends negatives Moment. Beispiele finden sich zuhauf, ob es in den 80er Jahren Bittburg war, die Walser Rede in den 90ern oder das Jubiläumsjahr 2009. Ein aktuelles Beispiel, was sich anschickt sich in diese Tradition einzureihen, wird vielleicht heute begangen. Daher soll dem nun folgenden die benannte Aporie vorgeschoben und somit bewusst gemacht werden, das es sich um einen Selbstzweck und eine Intervention handelt, die das „Never Again“ ernst nehmen, jedoch das Gedenken an die Opfer nicht vom Aktuellen überschatten lassen möchte- ihrer immer wieder zu erinnern, sie nicht zu vergessen .

Wie jedes Jahr am 09. November wird auch dieses Jahr, am 72. Jahrestag der November-Pogrome,wieder von offizieller Seite den Opfern der sogenannten „Reichspogromnacht“ gedacht. In die Frankfurter Paulskirche wurde dieses Jahr der deutsch-französische Politikwisseneschaftler und Publizist Alfred Grosser eingeladen. Der nun in diesen Stunden seine Rede, trotz der Aufforderung von Stephan Kramer, dem Generalsekratär des Zentralrats der Juden, ihn wieder Auszuladen, halten wird. Und obwohl es im Vorfeld schon Kritik gab, muss man sich über seine Einladung eigentlich kaum wundern.

Großer, der 1925 in Frankfurt geboren wurde und auch deshalb der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth gerade als der Richtige erscheint, verließ durch seinen weitsichtigen Vater, Paul Grosser, einem Arzt, Juden und Sozialdemokrat, schon direkt nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Deutschland und emigrierte nach Frankreich. Nach dem zweiten Weltkrieg machte Alfred Grosser sich vor allem durch seine Verdienste bei der deutsch-französischen Verständigung einen Namen und wurde dafür vielfach geehrt, beispielsweise mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels. In den letzten Jahren jedoch macht er durch ein anderes Engagement auf sich aufmerksam, Grosser hat sich der „Israelkritik“ verschrieben. Auch wenn er sich dabei etwas weniger ereifert als die meisten glühenden Antizionistinnenen und Antizionisten, so bleibt auch bei ihm kein Ressentiment ausgespart. Wenn er sich beispielweise in einem Interview äußert, „dass die israelische Politik Antisemitismus befördere“, so übt er nur die moderne, sozusagen ehrbare Variante, des alten antisemitischen Ressentiments, dass die Jüdinnen und Juden selber schuld seien am Antisemitismus. Auch scheut er sich nicht, die Situation der Palästinenserinnen und Palästinenser mit der der damals in Deutschland lebenden Juden zu vergleichen, wenn er auf die Situation im Nahen Osten angesprochen wird und sagt: „Ich bin als Judenkind in der Frankfurter Schule verachtet und sogar geschlagen worden. Ich kann nicht verstehen, dass Juden andere verachten.„ Darauf zielte auch Stephan Kramers Kritik, als er sich in einem offenen Brief an Petra Roth wandte und sich befremdet und entsetzt über die Wahl von Grosser als Redner gezeigt hat: „Nicht nur wird Herr Grosser nicht müde die Lage der palästinensischen Bevölkerung mit dem Schicksal von Millionen jüdischen Männern, Frauen und Kindern in der Shoa, dem Nationalsozialistischen Holocaust, gleichzusetzen und relativiert damit das unsägliche Leid der Opfer des Nationalsozialismus, er hat sich auch ausdrücklich hinter Martin Walsers Kritik an der „Ausschwitz-Keule“ gestellt, die Walser in seiner Friedenspreisrede am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche vor der Elite dieses Landes formuliert hat.„

Zur Erinnerung: Martin Walser hat ebenfalls in der Paulskirche in Frankfurt davon gesprochen, dass man einen Schlußstrich unter die deutsche Geschichte ziehen müsse und dass Auschwitz als Moralkeule einsetzt werde, um Kritik zu verhindern. 2002 lieferte er dann mit „Tod eines Kritikers“ einen antisemitischen Roman nach. Als Reaktion aus Walsers Rede gab das Publikum in der Paulskirche stehende Ovationen, einzig das Ehepaar Bubitz blieb schockiert sitzen. Ignatz Bubitz warf Martin Walser damals „geistige Brandstiftung“ vor und sah sich in der darauf folgenden Debatte mit üblen Unterstellungen und antisemitischen Angriffen konfrontiert.

Jedoch sieht Alfred Grosser seine Aufgabe wie Walsers nämlich darin die Deutschen davon zu überzeugen, dass sie sich nicht vor dieser sogenannten Moralkeule scheuen bräuchten, und nicht aus falschem Schuldgefühl vor Israelkritik zurück schrecken müssten. Diese sei nach wie vor Tabu in Deutschland und würde, so Grosser, mit Antisemitismus Vorwürfen delegetemiert. „Es ist nach wie vor so, dass sich Deutsche zu allem Möglichen kritisch äußern dürfen, aber nicht zu Israel. […] In diesem Punkt stehe ich hinter Martin Walsers Kritik an der Auschwitz-Keule. Ja, ich sehe diese Keule, die ständig gegen Deutsche geschwungen wird, falls sie etwas gegen Israel sagen. Tun sie es trotzdem, sagt die Keule sofort: ‚Ich schlage dich mit Auschwitz.’ Ich finde das unerträglich.“ Im Gegensatz zu dem behaupteten Tabu, gehört es in Deutschland allerdings, egal ob bei Bevölkerung, Politik oder Medien, zum guten Ton, Israel aus schärfste zu verurteilen. Dieses ist sogar zur Staatsräson geworden: erst vor kurzem wurde, einstimmig, ohne einzige Gegenstimme, parteienübergreifend, vom Bundestag ein Beschluss verabschiedet, dass Israel die Blockade zum Gazastreifen aufheben solle. Die Blockade, die dazu dienen soll, Waffenlieferungen an die Hamas zu verhindern. Stimmen, die Verständnis für Israels Siedlungs- oder Gazapolitik aufbringen, sucht man, nicht nur in Deutschland, eher vergeblich.

Dabei sieht Grosser vor allem Journalisten wie Henryk M. Broder oder den Zentralrat der Juden als die jenigen, die diese vermeintliche Keule schwingen und so die Meinungsfreiheit einschränken würden. So warf er 2007 Broder vor, dem ihm verliehenen Börne Preis, der nach dem bekannten Frankfurter Publizisten Ludwig Börne benannt ist, der sich besonders für die Pressefreiheit stark machte, unwürdig zu sein: „Broder (..) bekämpft, im Einklang mit fanatisch pro-israelischen Internetseiten wie „Honestly Concerned“, so aggressiv wie möglich alle, die nicht so denken und handeln wie er.“ Zwar möchte Grosser für Deutschland nicht das Wort Lobby gebrauchen, jedoch sei es, „ein mehr oder weniger sanfter Druck zur Selbstzensur, zum Schweigen und zum Verschweigen.“ Auf das Meta-Argument der freien Meinungsäußerung berufen sich neben Grosser auch die linken und rechten Antizionistinnen und Antizionisten, die zu glauben meinen Israel sei ein „rassistischer Apartheidsstaat“ und Broder für den Beelzebub einer vermeintlich agierenden „zionistischen Lobby“ halten; diesen spielt Grosser in die Hände, bedient sich den gleichen Argumentationsmuster. Dabei geht es gar nicht mal so sehr um Grossers Meinung, die soll er ruhig äußern können, denn gerade an der Kritik an seinen Äußerungen, lässt sich doch einiges über das Verhältnis von Israelkritik und Antisemitismus – und damit über Antisemitismus nach 1945 überhaupt – sagen. Das Hauptproblem ist, wo und wann er diese Kritik wohl äußern wird, nämlich an dem Datum an dem es darum ginge den Opfern der Novemberpogrome zu Erinnern.

Doch liegt er auf einer Linie mit der deutschen Erinnerungspolitik, die ähnlich wie er, versucht noch irgend einen positiven Sinn aus Auschwitz heraus zu pressen, indem sich Deutschland aufgrund von Auschwitz als die moralischste Nation der Welt imaginisiert und Grosser es als seine Mission sieht, den Deutschen, wie den Jüdinnen und Juden weltweit, beizubringen dass eine Lehre aus dem Holocaust Israelkritik bedeute, wenn er erklärt: „Weil es in Deutschland und Frankreich auch mutige Hilfe für Juden gab, stellte ich die Frage, ob es für heutige Juden deshalb nicht eine Verpflichtung sei, an das Schicksal von anderen Unterdrückten und Verachteten zu denken“ – „gerade so als wäre Auschwitz eine Besserungsanstalt gewesen und kein Vernichtungslager“ (Lizas Welt). Seine Legitimation zieht er aus seinem jüdisch-sein und der eigenen Erfahrung der Verfolgung, jedoch nur da wo es ihm um seine Kritik an Israel geht – ansonsten tritt er als säkularisierter Humanist auf, der keinerlei Bezug zum Judentum oder zum jüdischen Staat hat. Damit ist es ein Leichtes ihn als Kronzeugen in dieser Farce namens Israelkritik anzuführen, bei der es doch immer nur um eine einseitige Dämonisierung geht und sich, vor allem in den letzten Jahren immer deutlicher, eine Form des Antisemitismus nach 1945 aus agiert und manifestiert. Ebenso gelegen kommt es der Deutschen Erinnerungskultur, dass Grosser auch immer wieder auf das Leid der Deutschen durch die Bombennächte und die Vertreibung hinweist und immer wieder die Hilfe von nicht-jüdischen Deutschen an Jüdinnen und Juden während des NS anbringt. Damit schreibt er weiter an dem sich durchsetzenden Narrativ, welches die Singularität von Auschwitz in eine Allgemeine europäische Leidensgeschichte umdeutet und die Täterinnen und Täter, nämlich die Deutschen und ihre Handlanger, immer wieder zu Opfern stilisiert.

Man weiß zu dieser Stunde noch nicht genau was Alfred Grosser in der nicht weit entfernten Paulskirche sagen wird, es ist allerdings nicht schwer es sich auszumalen. Die jüdische Gemeinde Frankfurt, wird trotz ihrer geäußerten Kritik zu gegen sein und kündigte an, dass sie „den besonderen Umständen entsprechend, angemessen reagieren“ werde. Es steht noch offen welche Reaktionen dies wiederum mit sich bringen wird. Aber allen Äußerungen von Solidarität zum trotze, die nur wieder mit dem schnell nachgeschobenen „aber“ weggewischt werden, steht fest: „Der Antisemitismus, enthalten im Anti-Israelismus oder Anti-Zionismus wie das Gewitter in der Wolke,“ (Amery) ist besonders heute wiederum ehrbar.

Initiative Studierender am IG Farben Campus,

09. November 2010

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