Buch & Kritik 2012

„Alles falsch. Auf verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie“ Buchpräsentation mit dem Herausgeber Dirk Braunstein (Bochum).
Freitag, 12.10.12, 20 Uhr, Raum IG 311 im I.G.Farben-Haus der Universität Frankfurt, Grüneburgplatz 1

Während es üblich geworden ist, innerhalb der Kulturwaren zu differenzieren, um so deren vermeintliche Freiheitspotentiale zu entdecken, läßt sich die Kulturindustrie als das kritisieren, was sie ist: Produkt und zugleich Produzentin des falschen Ganzen, als das sie Adorno zu seiner Zeit verurteilte. Konnte er jedoch noch damit rechnen, durch Übertreibung ihre Wahrheit zu treffen, hat die Kulturindustrie unterdessen ihren eigenen Superlativismus übertroffen.

Wenn sich die deutsche kulturschaffende Intelligenz mit demjenigen befaßt, der die Kulturindustrie zuallererst auf ihren Begriff brachte, wird es finster im Lande. Mit dem hundertsten Geburtstag Adornos im September 2003 war ein gerne genutzter Anlaß gefunden, die Kritische Theorie der Gesellschaft auf das eigene Niveau des unverbindlichen Geschwätzes herunterzuziehen und den Philosophen und Soziologen Adorno zum »Teddie« sowie das bestehende Elend zur besten aller Welten zu machen: Kapitalismus, Barbarei, Auschwitz – alles halb so wild und Adorno ein unverbesserlicher Pessimist und Miesmacher.

Das kurrente Philosophiegewerbe ist Teil gerade jener Kulturindustrie, die man hierzulande so gerne in den USA am Werke sieht. Der New-Yorker »Anbruch« registrierte allerding die deutsche »Adorno-Industrie«, derweil im »Spiegel« hingegen eitel Freude darüber herrschte, daß die Feierlichkeiten »nun auch den privaten Theodor Wiesengrund-Adorno« in der Vordergund gerückt hatten. Wird dort Kritik daran geübt, daß die Appartschiks der Kulturindustrie Adorno schlicht überrannt und gefleddert haben, wird hier ein Einvernehmen darüber hergestellt, daß das Private offiziell und das Offizielle, alles, was man ›Werk‹ nennen könnte, privatistische Angelegenheit spinnerter ›Adorniten‹ sei.

Der Vortrag von Dirk Braunstein zeigt, wie dieses Einvernehmen hergestellt wird und was das für die Kritik der Kulturindustrie im besonderen sowie für Gesellschaftskritik im allgemeinen bedeutet.

Dirk Braunstein promovierte über Adornos Ökonomiekritik, ist Gastwissenschaftler am Institut für Sozialforschung und lebt in Bochum.

„Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert“ Buchpräsentation mit dem Herausgeber Stephan Grigat (Wien) und dem Autor Clemens Nachtmann (Graz).
Samstag, 13.10.12, 20 Uhr, Raum IG 311 im I.G.Farben-Haus der Universität Frankfurt, Grüneburgplatz 1

Der Band Postnazismus revisited versammelt Beiträge, die grundlegende Überlegungen zum Nachleben des Nationalsozialismus in den postfaschistischen Gesellschaften anstellen. Sie setzen sich sowohl mit der modernisierten Vergangenheitspolitik in Deutschland als auch den Erfolgen der FPÖ unter und nach Jörg Haider auseinander. Die Aufsätze beinhalten Gedanken zur Kritik des Postnazismus im Zeitalter des Djihadismus und formulieren eine Kritik am „Islamophobie“-Begriff vor dem Hintergrund der Diskussionen über den norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik.

Eine zentrale These des Bandes lautet, dass eine global orientierte Kritik der postnazistischen Konstellation konstatieren muss, dass sich das Zentrum der offenen antisemitischen Agitation nach 1945 von Europa in den arabisch-islamischen Raum verschoben hat. Nachdem die Deutschen und ihre Hilfsvölker nicht nur bewiesen hatten, dass man einen wahnhaft-projektiven Antikapitalismus bis zum industriell betriebenen Massenmord steigern kann, sondern auch, dass man dafür selbst nach der totalen militärischen Niederlage keine ernsthaften Konsequenzen zu befürchten hat, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, was für eine ungemeine Attraktivität eine derartig pathologische, sowohl mörderische als auch selbstmörderische Krisenlösungsstrategie für antisemitische Massenbewegungen und Banden in anderen Weltregionen haben musste.

Clemens Nachtmanns Beitrag „Von der postnazistischen Demokratie zum Karneval der Kulturen“ ist eine Anstrengung, der bundesdeutschen Gesellschaft, die sich immer weiter vom Tatort ihres Gründungsverbrechens, Auschwitz“, entfernt. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die totalitäre Kulturalisierung aller Lebensbereiche gelegt, vermittels welcher der postfaschistische „Konsens der Demokraten“ sich runderneuert präsentiert und zugleich zu seinen Ursprüngen zurückfindet. Enttäuscht werden wird, wer sich eine „klassisch antideutsche“ Tirade gegen Deutschland und seine angebliche „Besonderheit“ erhofft: aufgezeigt wird vielmehr, daß der Begriff des Postfaschismus schon immer auf eine internationale Konstellation zielte, die heute in seiner Verallgemeinerung zu sich kommt.

Stephan Grigat hat an der FU Berlin promoviert, war Forschungsstipendiat in Tel Aviv und ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Wien.

Clemens Nachtmann ist Redakteur der Zeitschrift Bahamas und lebt als Komponist und Dozent für Musiktheorie in Graz.

Veranstalter: Initiative Studierender am I.G.Farben-Campus und Prozionistische Linke Frankfurt
Unterstützer: AStA der Universität Frankfurt, Jüdischer Jugend- und Studentenverband Hessen und Jugendpresse Hessen

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