Auschwitz – Monowitz: ein zu bestimmendes Verhältnis [Asta-Zeitung, FFM 01/2013]

„Diese Vergangenheit nicht zu kennen heißt, sich selbst nicht zu begreifen.“
(Raul Hilberg im Vorwort zur deutschen Ausgabe seines Werks Die Vernichtung der europäischen Juden)

I. Im inneruniversitären Frankfurter Diskurs, weisen seit dem Umzug der Universität auf den sogenannten Campus Westend verschiedene Gruppen immer wieder auf das Konzentrationslager Monowitz hin. Sie betonen, dass es wichtig ist, sich mit Monowitz als eigenständigem Konzentrationslager auseinanderzusetzen; gerade auch, um damit die Verbindung mit dem IG Farben Campus begreifen zu können. Die Schwierigkeit besteht darin, Monowitz in seiner Besonderheit zur Sprache zu bringen, ohne aus dem Blick zu verlieren, dass Monowitz eines der Konzentrationslager Auschwitz‘ war. Im Folgenden sollen einige Überlegungen zum Verhältnis von Auschwitz und Monowitz angestellt werden.

 

II. Im deutschen Gedenkdiskurs gibt es Leerstellen. Hinter einem abstrakten Gedenken an „das Geschehene“ herrscht gähnende Leere: Informationslosigkeit. Selbstverständlich wissen alle, dass das Menschheitsverbrechen Auschwitz eine Katastrophe und dass diesem zu gedenken ist. Aber kaum jemand hat sich mit der Geschichte der Vernichtung der europäischen Jüd_innen auseinandergesetzt; geschweige denn mit den Bedingungen der Möglichkeit dieses Zivilisationsbruchs. Normalität soll entstehen – oder ist entstanden (?) – auf den Ruinen einer Gesellschaft mit der die gegenwärtige nichts zu tun haben soll; Stunde Null. Im Katechismus der deutschen Jugend, den schon niemand mehr zu schreiben braucht, scheint geschrieben zu stehen, man habe schon genug davon gehört, sei hinlänglich in der Schule informiert und mit der Geschichte malträtiert worden. Bilder kenne man zur Genüge. Auf Nachfrage herrscht Stille. Es scheint, als habe sich das Gefühl der Übersättigung eingestellt ohne das auch nur ein Happen gegessen wurde. Kein gutes Zeichen. Die Erinnerung an das, was in Auschwitz und anderswo geschah, wird zur Pflicht; Auschwitz selbst zur leeren Metapher.

III. Das prägt auch die Rezeption von Überlebendenberichten. Die bekanntesten Überlebenden des KZ Monowitz, Primo Levi und Jean Améry, schreiben beide in ihren Berichten von Auschwitz, obwohl doch beide im KZ Monowitz waren. Sicher, das KZ Monowitz, auch Auschwitz III-Monowitz, gehörte zu Auschwitz, befindet sich am östlichen Rand der Stadt Oświęcim. Trotzdem stellt sich unweigerlich die Frage, warum diese Berichte in Auschwitz spielen müssen, um rezipiert zu werden. Das verweist auf die Notwendigkeit das Verhältnis von Auschwitz und Monowitz zu bestimmen.

IV. Auschwitz ist zum Symbol für den systematischen, industriellen Massenmord an den europäischen Juden geworden. Das hängt damit zusammen, dass wichtige Berichte von Zeugen und Geflohenen, die den Alliierten bereits im Krieg übermittelt werden konnten, aus Auschwitz berichten. Der Karski-Bericht ist vielleicht der Berühmteste; man sollte aber auch Rudolf Vrbas Bericht nicht vergessen, der 1944 aus Auschwitz-Birkenau fliehen konnte und dessen Bericht bereits im selben Jahr veröffentlicht wurde. Das hat wesentliche Aufarbeitungsprozesse und Entnazifizierungsstrategien der frühen Nachkriegsjahre mitbestimmt und Auschwitz in das öffentliche Interesse gerückt. Außerdem wurde Auschwitz von der Roten Armee befreit bevor die Deutschen die Möglichkeit hatten es komplett zu zerstören. Durch das Engagement Überlebender konnte Auschwitz dann vergleichsweise früh (1947) schon als Gedenkstätte und museales Informationszentrum eröffnet werden. Auch der Auschwitz-Prozess in den 60er Jahren hat eine wichtige Funktion als erster im großen Stil medial wahrgenommener Prozess zu einem bestimmten Konzentrations- und Vernichtungslager gehabt. Schließlich spielt auch die TV-Serie Holocaust zu wesentlichen Teilen in Auschwitz. Medial viel beachtet und weit diskutiert, schrieb sich Auschwitz als Symbol ein.

V. Neben dieser (Gedenk)Diskursebene vereinigt Auschwitz aber auch wesentliche Aspekte der Vernichtung der europäischen Juden und konnte auch aus diesem Grund zum Synonym für die Shoah werden. Eben weil Auschwitz nicht ein Lager war, sondern ein Amalgam aus Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslager vereint es wesentliche Aspekte der Shoah. Auschwitz zu analysieren, heißt, die Shoah wie durch ein Prisma zu betrachten. Sicherlich kann das nicht bedeuten, dass andere Vernichtungslager nicht mehr untersucht werden müssten. Das wäre absurd. Aber es kann erklären, warum Auschwitz eine so starke Aufmerksamkeit erfahren konnte.

VI. Die Konzentrationslager Auschwitz
Wer vom KZ Auschwitz redet, redet korrekterweise von den Konzentrationslagern Auschwitz. In Oświęcim gab es drei Hauptlager und über 40 Nebenlager.
Das sogenannte Stammlager, historisch das erste Lager in Auschwitz, wurde 1941 gegründet und diente zu Anfang der Internierung von russischen Kriegsgefangenen (POW) und Pol_innen. Über dem Lagereingang ist der Satz „Arbeit macht frei“ angebracht. Der Lageralltag war durch Arbeit, Folter, Appelle und Hunger bestimmt. Hier wurden erste Gasversuche gemacht und das erste Krematorium gebaut. Seiner Funktion und Arbeitsweise nach ist es mit Dachau und Buchenwald vergleichbar.
Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befindet sich vom Stammlager 3 Kilometer entfernt. Gebaut um zu vernichten, stellt Birkenau das dar, was Moishe Postone mit dem Begriff „der Negation einer kapitalistischen Fabrik“ fassen wollte: eine Fabrik, deren Aufgabe die Vernichtung war. Hier wurde der millionenfache Massenmord ausgeführt.
Weitere 6 Kilometer entfernt befindet sich das Konzentrationslager Monowitz. Es war ein sogenanntes Arbeitslager. Errichtet, um die Baustelle der IG Farben mit Arbeitern zu versorgen, wurden hier zehntausende Menschen ermordet: durch Selektionen, durch die katastrophalen Lebens- und Hygienebedingungen und durch Vernichtung durch Arbeit.

VII. Das Verhältnis von Auschwitz und Monowitz

A| Monowitz ist ohne Auschwitz nicht denkbar.
Die Entscheidung in Oświęcim das Industriegelände der IG Farben zu errichten, kann sicherlich auch auf die günstigen Rohstoff-Bedingungen und die gute Verkehrsanbindung zurückgeführt werden. Man darf aber nicht unterschätzen wie sehr das nahe gelegene Konzentrationslager Auschwitz auf die Entscheidung gewirkt hat. Der IG Farben war klar, dass sie hier eine geradezu nie versiegende Quelle an Zwangsarbeitern zu erwarten hatten. Das Abkommen zwischen der SS und dem Direktorium der IG Farben regelte die Zustände im Konzentrationslager Monowitz bis ins Detail. Eine Höchstzahl an gemeldeten Kranken wurde vereinbart; mit der Möglichkeit bei Bedarf eine Selektion durchführen zu können und „überschüssige“ Kranke im benachbarten Vernichtungslager Birkenau zu vernichten. Das reibungslose Funktionieren dieses KZ ist nicht zuletzt auf die organisatorische Einbindung in den Lagerkomplex Auschwitz zurückzuführen.

B| Monowitz ist nur mit Auschwitz nicht denkbar.
Die Zusammenarbeit zwischen der IG Farben und der SS schuf allerdings eine Verbindung von Interessen, die so bis dahin einzigartig war. Das Interesse an Ausbeutung und produktiv genutzter Arbeit konnte hier auf eine barbarische Weise mit dem Interesse die Juden von der Erde zu tilgen vereint werden. So war es möglich diese Menschen noch bis in den letzten Atemzug genutzt zu haben und ihre Vernichtung doch nie aus dem Blick zu verlieren. Allein mit Ausbeutung ist das nicht zu erklären. Arbeit war hier ein anderes Mittel zur Vernichtung – aber ein spezifisch anderes. Arnold Daghani spricht deshalb von „Arbeits- und Todeslagern“. Dieses spezifische Mittel der Vernichtung durch Arbeit ist in seiner Besonderheit zu untersuchen und mit dem nationalsozialistischen Credo des „Arbeit macht frei“ zu vermitteln.

VIII. Es bleibt die Notwendigkeit auf die Eigenständigkeit von Monowitz hinzuweisen, ohne das bestimmte Verhältnis von Auschwitz und Monowitz aus dem Blick zu verlieren.

Nikolas Lelle

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