Abbild der und Erinnerung an Juden in Polen heute. Vortrag und Diskussion mit Soliman Lawrence

Was ist das fotografische Gedächtnis?
Abbild der und Erinnerung an Juden in Polen heute. Vortrag und Diskussion mit Soliman Lawrence

Donnerstag, 27. Juni 2013, 19Uhr, Café Koz

Die Popularität jüdischer Kultur in Polen steigt. Wie lässt sich das erklären, in einem Land, in dem derzeit so wenige Jüdinnen und Juden leben? Das Interesse an jüdischer Kultur scheint von der nichtjüdischen polnischen Bevölkerung auszugehen. Die Kunst von Soliman Lawrence setzt sich mit der Abbildung von jüdischer Geschichte und Identität in Polen auseinander. Im Rahmen des Vortrags wird er einige seiner Fotografien, Videos und Objekte vorstellen und über seine Herangehensweise an diese Fragen als Künstler sprechen.
Im Rahmen der Nachbereitung einer selbstorganisierten Studienreise nach Oswiecim/Auschwitz und Krakau im September 2012 entstand die Idee zu diesem Vortrag. Während der Studienfahrt stand auch die Beschäftigung mit Geschichte und Gegenwart jüdischen Lebens in Kraków im Mittelpunkt. Später wurden wir auf den Fotografen Soliman Lawrence aufmerksam, der ebendiese in seinen Bildern zu fassen versucht.
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Der Vortrag findet in englischer Sprache statt. Die Diskussion kann auch auf Deutsch geführt werden.

Antifa-Referat des AStA der Universität Frankfurt
in Kooperation mit Initiative Studierender am IG Farben Campus

www.solimanlawrence.com

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Die Schärfe der Konkretion – eine Veranstaltung mit Reinhard Strecker

Donnerstag, 4. Juli 2013, 20 Uhr, Goethe-Universität, IG Farben Haus, Nebengebäude, Raum 1.741 a

Teil der Geschichte des Nationalsozialismus ist auch die weitgehende Straflosigkeit der Täter, zum Beispiel der Juristen. Vor Kurzem setzte das Bundesjustizministerium eine Unhabhängige Wissenschaftliche Kommission ein, um über das Bundesjustizministerium und die von ihm verhinderte strafrechtliche Aufarbeitung der NS-Justizverbrechen in der Nachkriegszeit aufzuklären Warum erst jetzt? Warum jetzt noch? Wen erreicht die nachgetragene Zerknirschung? Erfahren wir nun noch einmal staatsoffiziell, was schon lange bekannt war – wenn man es denn wissen wollte?

Für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus gilt die Jahrzehntwende von den 1950er zu den 60er Jahren als Wendepunkt vom Verleugnen hin zu Auseinandersetzung und Aufarbeitung. Zugleich finden sich hier die Anfänge der Jugend- und Studentenbewegung, die 1968 ihren Höhepunkt erreichte. In West-Deutschland war es eine kleine Zahl von Einzelpersonen, die an die NS-Vergangenheit rührte, darunter der Student Reinhard Strecker, dessen Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ 1959/60 öffentlich für Wirbel sorgte.
Was sagt jemand, der nicht gewartet hat, bis die Täter gestorben und ihre Taten zu dunklen Kapiteln unserer Geschichte geworden sind zu der jüngsten Bewältigung der Nachkriegsgeschichte?

Reinhard Strecker im Gespräch mit Gottfried Oy und Christoph Schneider, Autoren des Buches „Die Schärfe der Konkretion“, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2013.

Eine Veranstaltung der Initiative Studierender am IG Farben Campus mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Hessen

Studieren nach Auschwitz. Veranstaltungen im Sommersemester 2013

Die Initiative Studierender am IG Farben Campus freut sich alle Interessierten zu der Veranstaltungsreihe im Sommersemester 2013 herzlich einzuladen. Hiermit möchten wir das Programm bekannt geben, welches in Kürze auch als Flyer erscheinen wird:

Vom schönsten zum häßlichsten Campus Deutschlands.
Ein kritischer Rundgang zu Geschichte, Architektur und dem Zusammenhang beider am Campus Westend und am Campus Bockenheim 

Der “Campus Westend” gewinnt mehr und mehr an Gestalt und die vollständige Aufgabe des Bockenheimer Campus ist absehbar. Damit hat sich die Universität nicht nur einen neuen Standort aufgebaut, der untrennbar mit der Geschichte der IG Farben und damit der Shoah verbunden bleibt, sondern verabschiedet sich als Institution auch von jeder Einsicht in die Dialektik der Aufklärung – jedenfalls aber vom Gedächtnis an das Scheitern von Universität und Bildung mit dem Nationalsozialismus. An der Architektur des neuen Campus lässt sich das Elend dieser Vergangenheitsbewältigung ablesen. In einem Rundgang über den Campus soll anschaulich werden, warum der “Palast des Geistes” (Präsident Steinberg) im Westend nichts anderes ist als das Phänomen einer umfassenden Rücknahme einer historischen Reflexion auf die Geschichte der Institution: Hier wurden alle Ansätze rückgängig gemacht, mit denen einmal eine reflexive Universität ermöglicht werden sollte.
25.4.2013, 16:00 Uhr / 11.5.2013, 14:oo Uhr / 4.6.2013, 14:oo Uhr
Treffpunkt ist jeweils der Haupteingang des IG-Farben-Hauses

Tag der (deutschen) Arbeit.
Der erste Mai und der Nationalsozialismus

„Ich werde keinen größeren Stolz in meinem Leben besitzen als den, am Ende meiner Tage sagen zu können: Ich habe dem Deutschen Reich den deutschen Arbeiter erkämpft.“ (Adolf Hitler im Völkischen Beobachter vom 12. Mai 1933)

Der 1. Mai ist nicht (allein) der Tag der linken Arbeiterbewegung. Die spezifisch deutsche Geschichte hat sich auch hier eingeschrieben. Der Tag der Arbeit ist in Deutschland immer auch der Tag der deutschen Arbeit. 1933 fiel auf dieses Datum der erste staatlich begangene „Tag der nationalen Arbeit“. Die Aufmerksamkeit der Nazis, die diesem Feiertag damit zu Teil wurde, ist nicht allein strategisch zu erklären. Es ging keineswegs nur darum, durch bloße Propaganda die Arbeiterschaft zu integrieren. Der positive Bezug auf den 1. Mai war ebenso Ausdruck eines Kerns nationalsozialistischer Ideologie, nämlich die deutsche Arbeit wieder zu Ehren zu bringen. Der 1. Mai war damit die performative Gründungszeremonie der vereinten Volksgemeinschaft. Wenn die NPD 2013 am Tag der Arbeit durch Frankfurt marschieren will, um ihn für eine reaktionäre Kritik an EU und Krise zu nutzen, ist das also keineswegs bloß als Aneignung eigentlich „linker“ Tradition zu verstehen: Es ist auch Ausdruck einer Jahrzehnte währenden Tradition deutschen Arbeitskultes. Dem ideologischen Kern dieser Tradition soll in diesem Vortrag nachgespürt werden: Die Feierlichkeiten zum 1. Mai 1933 in Berlin und Frankfurt sollen dargestellt und die Rede Hitlers auf dem Tempelhofer Feld analysiert werden. Was bedeutet die Rede von deutscher Arbeit und welche Ausschlüsse werden dadurch produziert?
7.5.2013, 19:00 Uhr; IG-Farben-Haus, Raum 254

Zum deutschen Ungeist.
Nach achtzig Jahren eine Erinnerung an die Bücherverbrennungen

Am 10. Mai 1933 brannten in Deutschland die Scheiterhaufen für Bücher. Das Ereignis ist in der Ikonographie des Nationalsozialismus fest verankert, mindestens die spektakulär inszenierte zentrale Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz. Gemeinhin wird dies als Vorschein der kommenden Vernichtung von Menschen und als  deutliches  Zeichen für  die  Geistfeindschaft  der Nationalsozialisten gedeutet: Die Werke der verfemten Autorinnen und Autoren wurden eben nicht argumentativer Kritik, sondern der symbolstarken Vernichtung durch die Flammen übergeben. Es klafft aber eine Lücke in diesem Bild der Bücherverbrennung, wenn vergessen wird, wer die Bücher verbrannte – es waren Studierende. Diese Tatsache geht im Begriff der bloßen Geistfeindschaft nicht auf; die Bücherverbrennungen müssen vielmehr auch als ein einschneidendes Ereignis für die Eingliederung der deutschen Universitäten in den Nationalsozialismus begriffen werden.
Im Vortrag sollen am Beispiel von Frankfurt die Ereignisse vom 10. Mai 1933 dargestellt werden, um im Anschluss einige Hinweise zur nationalsozialistischen Geschichte der Goethe-Universität zu geben.
14.5.2013, 19:00 Uhr; IG-Farben-Haus, Raum 254

Immer wieder das Gleiche.
Noch einmal ein paar grundsätzliche Anmerkungen zur Geschichte des schönsten Campus Europas

Mit dem Umzug der Fachbereiche aus dem AfE-Turm ist nun der größte Teil der Goetheuniversität endgültig umgezogen. Damit befinden sich große Teile dieser Universität an einen Ort, der untrennbar mit der Geschichte der IG Farben und damit dem antisemitischen Massenmord der Shoah verbunden ist. Ausgerechnet hier, am angeblich schönsten Campus Europas, wurde der “Palast des Geistes” ausgerufen – eine Leistung, für die man gehörig die Geschichte auch der eigenen Institution verdrängen muss. Die Initiative Studierender am IG Farben-Campus stellt diese neue Universität zur Kritik und lädt ein zur umfassenden Revision ihrer Imagekampagne der letzten zehn Jahre.
5.6.2013, 19:00 Uhr; IG-Farben-Haus, Raum 454

Hinweis auf eine Gedenkveranstaltung am 14.03. um 17.30 Uhr für die Ermordeten des KZ Adlerwerke (Gallus)

Gedenkveranstaltung für die Ermordeten des KZ Adlerwerke

Mitten in Frankfurt. Mitten im Gallus.

Am 14.3.1945, wenige Tage vor Kriegsende, flohen der 19jährige Adam Golub und der 21jährige Georgij Lebedenko aus dem KZ Adlerwerke. Sie versuchten, sich im Gallusviertel zu verstecken. Die SS-Wachmannschaften begannen sofort mit der Suche, an der sich die halbe Nachbarschaft beteiligte. Beide wurden von der SS auf offener Straße vor den Häusern an der Ecke Lahnstraße /Kriegkstraße erschossen.

Im KZ Adlerwerke mussten bis zu 1600 Menschen Zwangsarbeit verrichten. Viele von ihnen waren Überlebende des Warschauer Aufstandes. Die Todesrate im KZ Adlerwerke übertraf die aller hessischen KZ-Außenlager.

Durch Forderungen der LAGG (Leben und Arbeiten im Gallus und Griesheim) und der IGV (Initiative gegen das Vergessen) konnte am 14. März 1998 im Rahmen einer Gedenkveranstaltung ein bis dahin namenloser Platz im Gallusviertel in Golub-Lebedenko-Platz umbenannt werden.

Am 14.3.2013, dem 68. Jahrestag der Ermordung von Adam Golub und Georgij Lebedenko, möchten wir in einer öffentlichen Gedenkveranstaltung allen im KZ Adlerwerke Ermordeten gedenken.

Der jahrelange Betriebsratsvorsitzende bei Triumph-Adler, Lothar Reininger, der die Auseinandersetzungen um die Aufarbeitung der Verbrechen der Adler-Werke und für die Entschädigung der Überlebenden maßgeblich vorangetrieben hat, wird in einer Rede in die Geschichte des KZ Adlerwerke einführen und die wesentlichen Etappen der Auseinandersetzung beschreiben.

Ort: Golub-Lebedenko-Platz (nähe Galluswarte)

Buch & Kritik 2012

„Alles falsch. Auf verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie“ Buchpräsentation mit dem Herausgeber Dirk Braunstein (Bochum).
Freitag, 12.10.12, 20 Uhr, Raum IG 311 im I.G.Farben-Haus der Universität Frankfurt, Grüneburgplatz 1

Während es üblich geworden ist, innerhalb der Kulturwaren zu differenzieren, um so deren vermeintliche Freiheitspotentiale zu entdecken, läßt sich die Kulturindustrie als das kritisieren, was sie ist: Produkt und zugleich Produzentin des falschen Ganzen, als das sie Adorno zu seiner Zeit verurteilte. Konnte er jedoch noch damit rechnen, durch Übertreibung ihre Wahrheit zu treffen, hat die Kulturindustrie unterdessen ihren eigenen Superlativismus übertroffen.

Wenn sich die deutsche kulturschaffende Intelligenz mit demjenigen befaßt, der die Kulturindustrie zuallererst auf ihren Begriff brachte, wird es finster im Lande. Mit dem hundertsten Geburtstag Adornos im September 2003 war ein gerne genutzter Anlaß gefunden, die Kritische Theorie der Gesellschaft auf das eigene Niveau des unverbindlichen Geschwätzes herunterzuziehen und den Philosophen und Soziologen Adorno zum »Teddie« sowie das bestehende Elend zur besten aller Welten zu machen: Kapitalismus, Barbarei, Auschwitz – alles halb so wild und Adorno ein unverbesserlicher Pessimist und Miesmacher.
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Campus-Rundgänge im Sommersemester 2012

Der für den 17.06 angekündigte Rundgang muss leider bis auf weiteres ausfallen. Ein neuer Termin wird hier bekanntgegeben.

De-Education – Vom schönsten zum häßlichsten Campus Deutschlands

Der „Campus Westend“ gewinnt mehr und mehr an Gestalt und die vollständige Aufgabe des Bockenheimer Campus ist absehbar. Damit hat sich die Universität nicht nur einen neuen Standort aufgebaut, der untrennbar mit der Geschichte der IG Farben und damit dem antisemitischen Massenmord der Shoah verbunden bleibt, sondern verabschiedet sich als Institution auch von jeder Einsicht in die Dialektik der Aufklärung – jedenfalls aber vom Gedächtnis an das handfeste Scheitern von Universität und Bildung im Nationalsozialismus.
Denn an der Architektur des neuen Campus lässt sich das Elend einer Vergangenheitsbewältigung ablesen, die sich jeder Reflexivität vermauert. Die letzten Reste werden abgeschafft, die noch übrig sind von einer „Aufklärung, die ein geistiges, kulturelles und gesellschaftliches Klima schafft (…), in dem die Motive, die zu dem Grauen geführt haben, einigermaßen bewußt werden“ (Adorno). Mit der Campus-Führung soll anschaulich werden, warum der „Palast des Geistes“ (Präsident Steinberg) im Westend nichts anderes ist als das Phänomen einer umfassenden De-Education.

Termine:
Montag 21.05., 16.30h: Treffpunkt vorm Haupteingang des IG Farben-Hauses
Donnerstag 31.05., 13.30h: Treffpunkt im Foyer des Casino; Führung auf englisch im Rahmen der Graduierten-Konferenz „Critical Matter
Sonntag 17.06., 15.00h: Treffpunkt vorm Haupteingang des IG Farben-Hauses Fällt bis auf weiteres leider aus.

Veranstaltungsreihe „Kunst und Kritik“

„Godard glaubt an das Filmbild, ich an die historische Tatsache“ (Claude Lanzmann). Über eine Kontroverse um Bilder, die die Wirklichkeit nicht zeigen dürfen.
Eröffnungsvortrag von Christoph Hesse (Berlin)
Di., 24.04., 20 Uhr, I.G.Farben-Campus der Universität, Raum IG 251, Grüneburgplatz 1.

„Was ist das Kino?“ lautet eine im Zwischentitel eingeblendete Frage in Jean-Luc Godards Histoire(s) du cinéma; gestellt in Anspielung nicht nur auf die Frage des Abbé Sieyès nach dem Dritten Stand am Beginn der Französischen Revolution, sondern auch auf ein gleichnamiges Buch des Filmkritikers André Bazin, ohne den Godard wohl nie im Leben einen Film gemacht hätte. Antwort: „Nichts. – Was will es? Alles. – Was kann es? Etwas.“ Was dieses Etwas sei, das der Film im Unterschied etwa zum Denken und Schreiben vermag, darüber zerbrechen sich Theoretiker die Köpfe, während das Filmpublikum offenbar genau weiß, warum es Bilder und Töne den umständlich vorgetragenen Worten und Gedanken vorzieht.
Godard selbst begann darüber eine Auseinandersetzung mit Claude Lanzmann, der in Shoah gezeigt hatte, was ein Film – vor die scheinbar unlösbare Aufgabe einer Darstellung von Auschwitz gestellt – könne und was nicht. Godard hielt dagegen, Lanzmann habe in diesem Film überhaupt nichts gezeigt. Wie die seither fortgesetzte Kontroverse immerhin zeigt, geht es bei dem gegen Lanzmann erhobenen Vorwurf eines Bilderverbots um etwas anderes als filmtheoretische Spitzfindigkeiten. Der Partisan des Bildes und der des Wortes, wie Godard es nannte, haben sich in vertauschten Rollen schon in den frühen 1970er Jahren zu erkennen gegeben, als Lanzmann ein Bild Israels entwarf und Godard das Wort ergriff, um die von ihm selbst aufgenommenen Bilder der gescheiterten palästinensischen Revolution lesbar zu machen.

„Quälbarer Leib – Adornos kategorischer Imperativ nach Auschwitz und die Kunst“
Buchpräsentation mit Gerhard Scheit (Wien)
Di., 15.05., 20 Uhr, I.G.Farben-Campus der Universität, Raum Casino 1.811, Grüneburgplatz 1.

Es hätte der literarischen „Vernichtungsgewinnler“ (Carl Wiemer) nicht bedurft, um zu verstehen, warum Adorno Sartres Erkenntnis emphatisch zustimmen musste: „Niemand aber sollte auch nur einen Moment glauben, man könnte einen guten Roman zum Lobe des Antisemitismus schreiben.“ Der Umkehrschluss allerdings wäre falsch: Ein Roman gegen den Antisemitismus ist darum noch kein guter Roman.
Es ist nicht die Frage, ob der kategorische Imperativ nach Auschwitz in der Kunst sozusagen ausgeknipst werden kann oder nicht – das ist der Modus der Kulturindustrie (aus: Jurassic Park; ein: Schindlers Liste) –, sondern inwiefern er ihr als Bedingung der Möglichkeit, der Möglichkeit ihrer Autonomie, zugrunde liegt. „Nach Auschwitz ist kein Gedicht mehr möglich, es sei denn auf Grund von Auschwitz.“ (Peter Szondi) Dieser Grund aber ist die potentielle Form des Gedichts oder er ist nirgendwo. Kunstwerke, soweit sie heute ihrem eigenen Begriff noch gerecht werden können – schon darin fällt es schwer, Gedicht, Roman, Musik, Bild … in eins zu setzen, so sehr ist dieses „auf Grund von Auschwitz“ mit dem je eigenen, unübertragbaren Gefüge verschmolzen – sind gleichsam von sich aus „eingerichtet“, dass es nicht sich wiederhole, wenn sie nur endlich beim Wort genommen würden, was weder in der Hand des Künstlers liegt noch an dessen Intentionen unmittelbar abzulesen ist. Die Konstellation gilt in bestimmtem, zu bestimmenden Sinn auch für den Imperativ Kants und den von Marx. Nur: im Ästhetischen wird immer auch die bloße Armatur des Imperativs überschritten, die Abstraktheit seiner Formulierung, in Richtung auf eine Versöhnung, die den Imperativ überflüssig machte. Daher der Eindruck, dass es ihn gerade hier nicht geben könne, er hier nicht zugrunde liegen würde.
Symptomatisch darum, wie man heute Adornos kategorischen Imperativ zumal in den Fragen des Ästhetischen auseinanderbrechen möchte: Wird auf der einen Seite das Moment des Hinzutretenden als „Leibhaftes“ fallengelassen, findet sich auf der anderen auch der Freiheitsbegriff, den ein Imperativ immer schon voraussetzt, unterschlagen.

„Autonomie als Programm. Über die Anfänge der neuen Musik bei Beethoven und Berlioz“
Tagesseminar mit Clemens Nachtmann (Graz)
Sa., 02.06., 13-18 Uhr, Raum 20/21 im Gebäude 2 der Fachhochschule, Nibelungenplatz 1. Um eine Anmeldung unter prozion@gmx.de wird gebeten.

Musikwissenschaftler denken einen ihrer bevorzugten Gegenstände, die Musik in der Epoche der harmonischen Tonalität, ebenso wie die Ökonomen den ihren, die Wirtschaft: nämlich als ein „an sich“ harmonisches Ganzes, in dem alle Widersprüche sich am Ende gegenseitig ausgleichen und der deswegen nur durch äußerliche, „hinzutretende“, Faktoren in die Krise geraten kann. Die harmonische Tonalität jedoch ist gerade kein mit sich identisches, in Selbstbestätigung verharrendes, sondern ein nicht-identisches, seine eigene Auflösung vorantreibendes System musikalischer Beziehungen: eben ein fundamentaler Krisenzusammenhang. Wenn Ludwig van Beethoven in seiner Musik nach einer zentralen Beobachtung Adornos „Tonalität aus subjektiver Freiheit reproduziert“, dann führt dieses reine musikalische Auskonstruieren elementarer tonaler Grundbestimmungen deshalb virtuell und doch bereits hörbar bereits an die Grenzen jener Tonalität, die als solche dann am Ende des 19.Jahrhunderts tatsächlich außer Kraft gesetzt wird.
Auf der Musik Beethovens liegt der erste Schwerpunkt des Vortrages, weil sie einen musikgeschichtlichen „point of no return“ und virtuell bereits den Umschlagspunkt zur musikalischen Moderne markiert. In der 3.Symphonie, der sogenannten „Eroica“, namentlich im ersten Satz, gelingt es der Kunstform Musik, am Beginn des bürgerlichen Zeitalters zum ersten Mal in der Geschichte das ungeschmälert einzulösen, was doch seit jeher eine ihrer Grundbestimmungen ist, „weiterzugehen, ein Neues zu werden, sich zu entwickeln… Seit Musik existiert, war sie der wie immer auch ohnmächtige Einspruch gegen Mythos und immergleiches Schicksal, gegen den Tod selber.“ (T. W. Adorno) In Beethoven etabliert sich ein neues emanzipatorisches Zeitgefühl und Zeitbewußtsein, das nichts Gesetztes – kein Motiv, kein Thema, keinen Klang – unbefragt stehen und sich ausbreiten läßt, sondern es durch „Arbeit“ zur fortwährenden Entäußerung, zum permanenten Gestaltwandel anstachelt; was der Musik qua Existenzform als Zeit-Kunst ohnehin zukommt, wird hier auskomponiert: ihr Prozeßcharakter, der nur deswegen an ein Ende kommt, weil die Musik nun einmal auch aufhören muß, „an sich“ jedoch auch weitergehen könnte. Musik wird hier aus ihrer materialen Beschaffenheit heraus, nicht durch Parolen, Programme oder ihr äußerliche weltanschauliche Behauptungen zu einer Spiegelung gesellschaftlicher Vorgänge, indem sie diese überschreitet: einer Spiegelung der bürgerlichen Gesellschaft, die nach Marx nur existieren kann, indem sie ihre eigenen Produktionsbedingungen fortwährend umwälzt.
Radikal prozeßhafte Musik, wie sie in Beethovens „Eroica“ auf unwiderstehlichste Weise realisiert ist, befreit die Musik von dem ihr konstitutiv fremden Zwang zum Verharren und bringt das musikalische Material zum ersten Mal „zu sich selbst“ – und doch gelingt ihr die Versöhnung des Einzelnen und des Allgemeinen nicht bruchlos: gerade in den auftrumpfenden und beschwörenden scheint etwas von der Gefährdung und der Angst des Subjekts auf, die es im scheinbar so ungebrochenen „Hochgefühl“ umtreibt.
Für Franz Schubert und Hector Berlioz, deren Komponieren in Zeitgenossenschaft zu Beethoven bzw. sich unmittelbar nach seinem Tod entfaltet, ist diese fragile Versöhnung bereits technisch unmöglich geworden. Beide bewahren den von Beethoven etablierten Stand der Musik gerade dadurch, daß sie ihn nicht konservieren, sondern eingreifend verändern. Namentlich in Berlioz´ Musik, deren Reflexion den zweiten Schwerpunkt des Vortrages bildet, explodiert die musikalische Moderne „im Nu“ noch auf dem Boden der Tonalität. In seiner Musik wird die prozeßhafte Entäußerung des Transzendentalsubjekts in der Zeit, dessen Apologie Beethoven betreibt, durchsichtig aufs empirische Subjekt, wie die literarischen „Programme“ zur seiner Musik bezeugen – ein Subjekt, das die Zeit nicht mehr als linear fortschreitende und sinnerfüllte, sondern als eine Folge von Schocks und disparaten Ereignissen erlebt, die Berlioz etwa mit höchst avancierten musikalischen Schnittechniken und kühnen Überblendungen verschiedener Zeitmaße auskomponiert. Insbesondere in seiner Stellung zur Zeit ist Berlioz seiner Zeit weit voraus und deshalb so gut wie Beethoven, den er beerbt, ein Zeitgenosse. Die Musik beider ist, wie darzustellen sein wird, eine „mit Jetztzeit erfüllte“.

„Lob der Kulturindustrie“
Abschlussvortrag von Jan Gerber (Halle)
Fr., 06.07., 20 Uhr, Café Kurzschlusz im Gebäude 5 der Fachhochschule, Nibelungenplatz 1.

Wer eine zeitgenössische Ausstellung, Theateraufführung oder ein Konzert besucht, muss mit dem Schlimmsten rechnen: Die Ausstellungen warten mit den immergleichen Installationen aus Metallschrott, Plastik-Holz-Kombinationen oder flimmernden Bildschirmen auf. Das Theater kommt nicht ohne die permanente Kritik des Dreiklangs aus Medien, Konsum und Globalisierung aus: Es präsentiert sich als kunstgewerbliche Variante der Occupy-Bewegung. Und zeitgenössischen Konzerten gelingt es sogar, den Anspruch der Neuen Musik zu verhunzen – wenn etwa der Starschlagzeuger Martin Grubinger bei seinen Massenevents ein Potpourri aus Schlager, Neuer Musik, Swing, Jazz, Klassik, Welt- und Volksmusik zum Besten gibt. Die zeitgenössischen Kunstwerke sind weder eine Allegorie „scheinlos gegenwärtigen Glücks“, die ihre Sprengkraft, wie Adorno schreibt, gerade daraus zieht, dass sie mit der „tödlichen Klausel des Schimärischen“ behaftet ist: „dass es nicht ist“. Noch findet ein Abarbeiten an der Erfahrung von Leid statt. Stattdessen werden die Verhältnisse bestenfalls verdoppelt. Vom Wahrheitsanspruch des Kunstwerks, der im besten Sinn autoritär war, bleibt nur der Größenwahn des Künstlers – des Malers, Regisseurs, Autors usw. –, der sich in der Regel entweder als Ratgeber des Staates oder gleich ganz als prospektiver Philosophenkönig geriert. Die einschlägigen Produkte ziehen ihren politischen Gehalt weniger aus der Materialgestaltung als aus den aufdringlichen Bekenntnissen ihrer Macher. Selbst die wenigen Werke, die sich dieser Entwicklung entziehen, verdeutlichen aufgrund ihrer schreienden Marginalität, wie sehr die Kunst auf den Hund gekommen ist. So hat sich die Mehrzahl der zeitgenössischen Kunstwerke längst ununterscheidbar von den Produkten der Kulturindustrie gemacht. Es gibt allerdings einen Unterschied: Fernsehen, Kino und Popmusik liefern die Verdopplung der Realität, mit der auch die einschlägigen Theateraufführungen oder Ausstellungen aufwarten, bei aller dringend erforderlichen Kritik in einer anspruchsvolleren Weise. Sie erheben im Unterschied zum zeitgenössischen Kunstbetrieb zumindest noch den Anspruch, das Publikum zu unterhalten. Dieses Amüsement scheitert zwar notwendigerweise. Dennoch ist selbst jede Folge des Marienhofes, der Verbotenen Liebe oder des Großstadtreviers – ganz zu schweigen von den Produkten der viel geschmähten amerikanischen Kulturindustrie – zumindest unterhaltsamer als die neuesten Werke Daniel Kehlmanns, Günther Grass’, Claus Peymanns oder Neo Rauchs.

Veranstalter: Autonome Liste Café Kurzschlusz, Initiative Studierender am I.G.Farben-Campus & Prozionistische Linke Frankfurt.
Unterstützer: AStA der Universität Frankfurt, Bund Deutscher PfadfinderInnen & Jüdischer Jugend- und Studentenverband Hessen.

Weitere Informationen unter: www.prozion.de